Kirche für Alle?

Kirche für Alle?

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie Zeitgeschehen

Seit etwa drei Jahrzehnten untersucht das Heidelberger Sinus-Institut die Lebenswelten der Deutschen. Welche Milieus gibt es in der Gesellschaft? Spannend: Die Kirche hat die Studie seit einiger Zeit für sich entdeckt und merkt, dass sie – sieh an –  nicht mehr alle Schichten der Gesellschaft erreicht.

SINUS-MILIEUS

Bevor ich ein paar Fragen zur aktuellen Lage der Kirche stellen will, möchte ich zunächst aber die Sinus-Milieu®-Studie genauer betrachten. In der nachstehenden Grafik finden sich die vom Sinus-Institut eingeteilten Milieus:

Sinus Milieus wassercraft
Sinus-Milieus in Deutschland, 2014 auf wassercraft.de

Die Beschreibung der Milieus liest sich in der Süddeutschen (unter dem schönen Titel „Keiner will mehr Mitte sein“) folgendermaßen:

Konservativ-etabliertes Milieu: Klassisches Establishment mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch, zeigt aber auch Tendenz zum Rückzug. Liberal-Intellektuelles Milieu: Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, hat starken Wunsch nach Selbstbestimmung. Milieu der Performer: Effizienz-orientierte Leistungselite, denkt global, hohe IT-Kompetenz, sieht sich als stilistische Avantgarde. Expeditives Milieu: Unkonventionelle, kreative Avantgarde, individualistisch, sehr mobil, digital vernetzt, sucht nach Grenzen. Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, bejaht die gesellschaftliche Ordnung, strebt nach beruflicher und sozialer Etablierung sowie nach Sicherheit und Harmonie. Adaptiv-pragmatisches Milieu: Zielstrebige, junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül. Sozialökologisches Milieu: Idealistisch, konsumkritisch, globalisierungsskeptisch, besitzt ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Traditionelles Milieu: Ordnungsliebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration, kleinbürgerlich oder der Arbeiterwelt verhaftet. Prekäres Milieu: Um Teilhabe bemühte Unterschicht, Zukunftsangst und Ressentiments. Hedonistisches Milieu: Spaß- und erlebnisorientiert, verweigert sich den Konventionen und Leistungserwartungen der Gesellschaft.

Dachten die Sozialwissenschaften früher noch in Klassen und Schichten – also einer großen Unterschicht mit Arbeitern und Bauern, einer etwas schmaleren bürgerlichen Mittelschicht und einer kleinen Oberschicht als Leitungselite – um soziale Ungleichheiten zu erklären, so gerieten ab etwa 1980 durch Ulrich Beck die festgefügten Gesellschaftmodelle ins Rutschen und er beschrieb die Individualisierung. Der Mensch hat die Wahl, kann sich selbst erfinden und entwerfen, das Leben ist weniger vorherbestimmt aber dafür riskanter.

Ab etwa 1990 kommt mit Gerhard Schulze und dessen Bestseller Die Erlebnisgesellschaft die Zeit der Milieus. Seine Feststellung: Es gibt in Deutschland nicht einfach 82 Millionen Individuen; vielmehr fügen sich diese Individuen zu bestimmten Großgruppen zusammen, die ihnen zur Heimat werden, nämlich zu Milieus. Diese Milieus unterscheiden sich von den einstigen Schichten oder Klassen, denn sie beachten, dass ein Mensch neben einem bestimmten sozialen Status auch einen bestimmten Lebensstil pflegt. Menschen finden sich in Milieus und Sub-Milieus zusammen – man spricht von einer Fragmentierung der Gesellschaft. Nicht nur das Einkommen, sondern nun auch die Gesinnung, die Mentalität, entscheiden über das Heimatmilieu.

MENTALITÄT UND „EKELSCHRANKEN“

 

Der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Dr. Michael Herbst schreibt hierzu (siehe hier):

„Eine Mentalität gehört mit zum Milieu. Mentalitäten betreffen diese waagerechte Achse. Mentalitäten sind dauerhafte Einstellungen, Affekte, Ressentiments und daraus erwachsende Verhaltensmuster im alltäglichen Leben – nicht bei Individuen, sondern in kleineren und größeren Gruppierungen, die auch sonst gemeinsame Merkmale etwa hinsichtlich ihrer Bildung oder ihrer Religion tragen. Dabei unterscheiden wir zwischen vormodernen, modernen und nach- oder postmodernen Mentalitäten mit einer je eigenen Logik. Diese Mentalitäten lösen einander nicht einfach ab, so dass nach der vormodernen die moderne und dann die postmoderne Mentalität vorzufinden wäre. Unsere derzeitige Lebenswelt ist vielmehr so unübersichtlich, dass diese Mentalitäten nebeneinander und teilweise in Konkurrenz zueinander gleichzeitig existieren. Das macht unser gesellschaftliches Miteinander so „spannend“. Und natürlich ist auch das wieder ein Modell, dem das Individuum durchaus nicht immer zu entsprechen hat. Im Einzelnen kann es Überhänge und Übergänge geben, in einem Menschen können sich vormoderne und moderne Anteile des persönlichen Weltbildes mischen. Menschen entwickeln sich auch, so dass das alles im Fluss ist! Aber Menschen haben auch Schwerpunkte in einer Mentalität und es hilft zur besseren Wahrnehmung, darum zu wissen – und nicht zum Schubladendenken.“

Mit der oben stehenden Erläuterung der einzelnen Milieus wird klar: Wir sehen ein Modell sozialer Ungleichheit, das uns die abgegrenzten Lebensstilgemeinschaften zeigt. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto mehr werden die Grenzen zwischen den Milieus zu „Ekelschranken“. 

Die Kernidee: Menschen leben nicht nur als Individuen, sie erzeugen durch Gruppenbildung spezifische Lebenswelten.

ERREICHT DIE KIRCHE ALLE MILIEUS?

Die Strukturierung der fragmentierten Gesellschaft in Milieus darf nicht als Lösung verstanden werden, sondern als Sehhilfe. Auch theologische Institute, wie beispielsweise das IEEG in Greifswald, nutzen die SINUS-Milieus als Sehhilfe für die Kirche. Erreicht die Kirche alle Milieus? Sind die Gottesdienste wirklich offen für jeden? Machen es die Formen unserer Gottesdienste Besuchern und Fremden leicht, neu dazu zu kommen? Sind die Gottesdienste also „barrierefrei“?  Wo sind „Ekelschranken“ und wie groß sind diese?

Ich empfehle, diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Herbst als Einstieg in das Thema. Er formuliert 10 Thesen, von denen ich ein paar gerne aufgreifen möchte:

„Auch wenn der kirchliche Mitgliederbestand Menschen aus allen Milieus umfasst, sprechen die christliche Verkündigung und unser spezifisches Gemeinschaftsangebot immer nur Bruchteile dieser Mitglieder an, und zwar aus wenigen Milieus, während Mitglieder aus den meisten Milieus nicht erreicht werden.“ Im Wesentlichen werden Menschen aus maximal 4 Milieus von der Kirche erreicht. Die Schwerpunkte liegen bei den traditionsorientierten, konservativen und bürgerlichen Milieus, ein bisschen reicht es sicher auch hier in das sozial-ökologische Milieu hinein. Aber viele Milieus, die man hier sehen kann, wird man in unseren Versammlungen nicht finden. Die christlichen Gemeinden haben ihren stärksten Rückhalt in wenigen, meist eher traditionell orientierten, aber alternden und schrumpfenden Milieus. Aus diesen Milieus rekrutieren sich christliche Gemeinden immer wieder aufs Neue selbst.

„In unserer eigenen Milieuverwurzelung fällt es uns schwer wahrzunehmen und dann auch zu akzeptieren, dass die real existierende Kirche bzw. Gemeinschaft nicht ‚für alle‘ da ist.“ Wolfgang Huber, der langjährige Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende spricht von der mentalen Gefangenschaft im Milieu, die die Kirche überwinden muss. Mental gefangen ist man aber, wenn man gar nicht mehr wahrnimmt, wie milieubeschränkt durchschnittliches kirchliches Leben ist. Man muss gar nicht so scharf wie Michael Ebertz von Blindheits- und Trägheitsverabredungen sprechen. Wolfgang Huber:

Die erste mentale Gefangenschaft ist die Gefangenschaft im eigenen Milieu. Wir erleben es nicht nur individuell, sondern es wird uns auch empirisch aufgewiesen, dass uns als Kirche der Zugang zu bestimmten Milieus und Lebensstilen nicht zureichend gelingt und wir nicht dazu im Stande sind, ihnen die Relevanz unseres Glaubens nahe zu bringen. Eigene Berührungsängste spielen dabei eine große Rolle. Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz IV Empfängern. Die Opfer der Globalisierung zu erreichen, ist genauso schwer, wie ihre Akteure zu beeinflussen. Unsere Berührungsängste richten sich auf diejenigen, die an den Rand geraten, genauso wie auf diejenigen, die in Entscheidungszentren und Verantwortungsberufen tätig sind. Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen. Mit dieser sozialen geht eine geistliche Milieuverengung einher. Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt. Das ist geistlich besorgniserregend. Denn wir kennen den Kummer vieler Menschen nicht und auch nicht ihre Freude.“ (Huber, Wolfgang: „Du stellst unsere Füße auf weiten Raum“. Rede zur Eröffnung der Zukunftswerkstatt am 24. September 2004 in Kassel. ThBeitr 41 (2010), 68-78.)

„Darum machen wir uns zu selten klar, dass Menschen durch milieubedingte Ekelschranken von Formen gemeindlichen Lebens ferngehalten werden, nicht (nur) durch einen Mangel an Interesse oder Offenheit für die Welt des Glaubens. Die milieugefangene Kirche hat für andere eine de facto ausschließende Wirkung.“ Eine Lösungsstrategie ist hier Mission als Inkarnation in neue Milieus und sie ist darin Nachfolge Jesu – oder wie Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD schon im Jahr 2000 sehr deutlich zeigt: „Die Frage nach der Milieubezogenheit der Kirche ist theologisch nichts anderes als die nach ihrer Missionsfähigkeit. … Inkarnation erfolgt ins Milieu.“

Diese „Inkarnation ins Milieu“ folgt Jesus und seinen Jüngern, die das Urbild unserer Gemeinden sind. Prof. Herbst schreibt:

„Er nimmt sie [die Jünger] mit, lässt sie zuschauen und allmählich auch etwas mitwirken. Und dann sagt er ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Genau so: Wie mich der Vater – so ich euch! Wenn mich der Vater gesandt hat, mich wirklich tief einzulassen und niederzulassen bei den Menschen, so sollt ihr euch auch auf Menschen tief einlassen und bei ihnen niederlassen. Wenn mich der Vater gesandt hat, ihnen hingebungsvoll zu dienen, an Leib und Seele, dann sollt ihr ihnen auch hingebungsvoll dienen, an Leib und Seele, und zugleich inständig hoffen, beten und ringen, dass sie Vertrauen fassen zum Vater. Wenn mich der Vater gesandt, Grenzen zu überschreiten, und wenn alle nur noch lästern, wie man sich denn abgeben kann mit diesen prekären Milieus, mit diesen arroganten Eliten, mit diesen Gestrandeten und Gescheiterten, mit diesen hoffnungslos Konfessionslosen oder mit diesen fremdartigen Ausländern, dann sollt ihr auch nicht mehr aufhören, Grenzen zu überschreiten und Milieus zu suchen, die bislang überhaupt nicht im Blick waren, auch wenn so mancher Fromme dann die Stirn runzelt. Dann kann es nicht mehr so sein, dass Ihr Euch zufrieden gebt mit den paar Leuten, die Ihr relativ leicht erreicht. Aber das müsst Ihr wissen: Das hat seinen Preis, das ist in jeder Hinsicht teuer. Es war auch für Jesus teuer, sehr teuer.“

„Da es nicht möglich ist, dass Gemeinden angesichts ihrer eigenen Milieubindung alle Milieugrenzen überschreiten und ganz allein gemeindliche Lebensformen für alle Milieus entwickeln, brauchen wir eine regionale Kooperation und eine Pluralisierung der milieusensiblen Formen gemeindlichen Lebens.“

In dieser These steckt eine doppelte Entlastung: Wir können und wir müssen nicht jede Milieugrenze überwinden. Es ist uns nicht möglich, weil es uns schwer fallen wird, zugleich weite Wege auf der Milieukarte zu wagen und zugleich authentisch zu bleiben.

Und umgekehrt steckt in dieser These eine doppelte Herausforderung: nämlich in einer größeren Region miteinander zu einem missionarischen Masterplan zu kommen, der deutlich macht, wie Gemeinden und Gemeinschaften durch Spezialisierung oder/und Kooperation miteinander für möglichst viele Milieus in der Region kirchliche Andockpunkte schaffen und milieusensible Angebote geistlichen Lebens kreieren können.