Religion: Eine Angelegenheit des gottlosen Menschen

Religion: Eine Angelegenheit des gottlosen Menschen

Religion ist „die Angelegenheit des gottlosen Menschen“, meint der Theologe Karl Barth und tatsächlich ist die Religion eine Wurzel des Übels. Sie führt zu Konflikten zwischen Menschen und entfremdet uns von Gott. Und sie ist die Ursache dafür, dass viele Menschen der Kirche den Rücken kehren.

Auch wenn in allen unseren Städten und Gemeinden Kirchtürme dekorativ in den Himmel ragen und die Weihnachtsgottesdienste prall gefüllt sind, zeigt doch ein Blick auf die Statistik seit langem ein eindeutiges Bild: Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Immer mehr Menschen – so scheint es – sind unzufrieden mit ihrer Kirche. Aber woran liegt das? So leicht ist das ja gar nicht, einen Konflikt mit „der Kirche“ zu haben. Wer oder was ist denn die Kirche? Das Gebäude, in dem man am Sonntag friert wie Feldgemüse in der Tiefkühltruhe? Der Pfarrer, dessen vorhersehbare Predigt immer Liebe als Pointe hat? Der Apparat von Funktionären und Würdenträgern, die meine Kirchensteuer wollen? Oder doch die verbliebenen alten Damen, die jeden Sonntag aufs Neue von hektischem Orgelspiel und Teelichtromantik verzückt werden?

Hierzulande gibt es 45.000 Kirchen, Pfarrer ist – nach wie vor – ein angesehener Beruf. Die Kirchen sind Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber. Nicht nur die Bauwerke, auch die Kirchenmusik und die Tradition zählen zu den kulturellen Schätzen unseres Landes. Doch unser gutes Kirchenbild in Deutschland ist längst im Verfall begriffen. Markus Günther vermutete in der FAZ unlängst: Die Spätzeit des Christentums in Deutschland hat begonnen, die relativ intakte Fassade beginnt zu bröckeln. Er hat Recht. Wo einmal blühende Kirchenlandschaften waren, breitet sich langsam eine Wüste aus. Eine Wüste, die sich im materialistischen, philosophisch-naturalistischen und eigentlich atheistischen Weltbild vieler Menschen bereits weit ausgedehnt hat. Aber warum ist das so?
Viele derer, die aus der Kirche austreten, begründen ihren Schritt mit dem Verweis auf angestaubte Tradition oder dem Verhalten der Offiziellen. Aber hintergründig und unterschwellig, so meine Vermutung, gibt es noch einen ganz anderen Grund für den persönlichen Konflikt mit der Kirche: Religion. Und diese Religion wirkt auf Mensch, Glaube und selbst die Kirche als ganze, wie Malware auf einen Computer, wie ein Virus, ein kleines Programm, das alle anderen Programme verlangsamt und beschädigt. Und wie sich Malware schnell und unbemerkt in ein Computersystem einschleichen kann, so kann sich Religion schnell und unbemerkt in das Glaubenssystem einschleichen. Ich ahne, dass dem einen oder anderen Leser dieser Gedanke etwas merkwürdig vorkommt. Ist nicht die Religion der Glaube? Also gerade der zentrale Inhalt von Kirche? Ich meine Nein und möchte diesen Gedanken gerne veranschaulichen:

Religion ist wie Nelken im Asia-Curry

Vor kurzem kochte ich zu Hause bei meinen Eltern ein herrliches asiatisches Hühnchen-curry-Gericht. Wir essen gerne scharf. Nachdem also alles fertig gebraten in feiner Soße schmorrte, fügte ich noch genüsslich Gewürz aus einer Dose mit der Aufschrift „Mexico Pulver“ hinzu. Der daraufhin aus der Pfanne aufsteigende Duft ließ mich nichts Gutes ahnen. Der Geschmackstest bestätigte den Verdacht: Nelken. Meine Mutter hatte Nelken in die „Mexico Pulver“-Dose gefüllt. Das Hühnchen-Curry wurde zum Weihnachts-Püree. Themaverfehlung. Religion ist auch Themaverfehlung. Zwar nur knapp, aber umso grundlegender. Die Nelken haben sich mit allen anderen Zutaten vermischt, der Geschmack war überall, das Gericht schmeckte grundlegend anders. Religion ist Nelkenpulver im Currygericht. Genauso verirrt schmeckt Religion. Das ist der Grund allen Grübelns: dass scheinbar gute Zutaten einen so furchtbaren Bei- und Nachgeschmack haben.

Religion ist der Versuch sich selbst zu erretten

Wenn ich von Religion rede, dann meine ich ein Regelsystem aus einem Haufen religiöser moralischer Regeln. Tu dies. Lass das. Mach es so. So aber nicht. Dieses religiöse Gewand ist eng und lässt wenig Bewegungsfreiheit und noch weniger Raum für Freude, Kreativität, für Fehler oder für Laien. Dazu kommt eine simplizistische Gott-hat-dich-lieb Theologie, etwas für den Weltfrieden beten, über Windmühlen reden, etwas spirituelle Psychologie und dem Santa-Claus-Gott seine Sorgen und Wünsche mitteilen. Und mit diesem Potpourri aus Regeln und Wohlfühlromantik ist dann die Hoffnung verknüpft, wir könnten uns damit retten – und vielleicht auch noch nebenbei die ganze Welt. Und Gott? Gott gilt in diesem Konzept als unbewegter Beweger, der einmal das Weltgeschehen angestoßen und sich dann zurückgezogen hat. Wer Gott ist, was er macht und wie er so drauf ist, weiß aber niemand. Gott hat die Uhr zu Beginn der Zeit aufgezogen und nun tickt das perfekte Uhrwerk, bis es halt irgendwann stehen bleibt. So hat es der Philosoph Leibnitz ausgedrückt. Und viel mehr kommt in den Kirchen des Landes nicht mehr rum: Ja, Gott gibt es (wahrscheinlich). Nein, er bestraft dich nicht. Halte dich trotzdem besser an unsere Regeln.

Das ist Religion und die hat sich so in die Lehre, Verkündigung und die Praxis der Kirchen eingeschlichen, wie die Malware auf den Computer oder das Nelkenpulver in das asiatische Curry. So kommt es, dass viele Kirchen ihre Predigten mit dem würzen, was der Soziologe Christian Smith einen „moralisch-therapeutischen Deismus“ nennt. Stattdessen sollten sie aber die freudebringende und verändernde Gute Nachricht auf den Tisch bringen. Kein Wunder, dass viele ein echtes Problem mit der Kirche haben.

Das Evangelium ist, was Gott für uns macht

Die biblischen Autoren und Texte erzählen eine andere Version von Gott. Sie erzählen das Evangelium, und das ist etwas ganz anderes als eine Morallehre. Zwar zeigt das Evangelium auch in seiner Wirkung klar, wie gutes Leben funktioniert und wer ich wirklich bin, aber das ist „nur“ die Wirkung der Nachricht und nicht die Nachricht selbst. Aber auf die kommt es an! Evangelium bedeutet „Gute Nachricht“ und gute Nachrichten werden verkündigt. Gute Nachrichten können angenommen oder abgelehnt werden. Aber gute Nachrichten sind nicht etwas, das man für sich machen kann, sondern etwas, das schon geschehen ist und nun verkündet wird. Das verkündete Geschehene freilich kann mein ganzes Leben verändern. Die Vorstellung, dass ich ein guter Mensch bin, weil ich mich an alle religiösen Gesetze, Regeln und Normen halte, hat also mit dem Evangelium so viel zu tun wie die Nelken mit meinem Asia-Curry.

Religion sagt: „Ich halte mich an alle Regeln, darum bin ich von Gott angenommen.“ Das Evangelium sagt: „Gott liebt mich, darum kann ich ihm vertrauen und auf sein Wort hören.“ Das Evangelium dreht also die Motivation um. Zuerst ist da Gottes Zusage und Trost. Nicht Ungewissheit und Belieben. Religion ist der Versuch, Gott durch ein vorbildliches Leben zu manipulieren. Das Evangelium ist das Angebot Jesu, mit Gott versöhnt zu sein.

Religion sagt, meine Identität und mein Selbstwert liegen hauptsächlich darin, wie hart ich arbeite und wie moralisch ich bin. Darum kann ich auf die herabsehen, die mir faul oder unmoralisch vorkommen. Ich schätze andere gering und fühle mich überlegen. Das Evangelium sagt, dass meine Identität und mein Selbstwert in dem Einen liegen, der für seine Feinde gestorben ist. Nur durch Gnade bin ich, was ich bin, darum kann ich nicht auf die herabsehen, die etwas anderes als ich glauben oder praktizieren. Religion führt also zu Stolz (ich halte mich an alle Regeln und bin besser als die anderen) oder zu Verzweiflung (ich habe versagt). Das Evangelium führt zu Demut (ich brauche Gnade) und zu Mut (mir ist vergeben).

Das Evangelium schmeckt

Das Evangelium ist nicht die gute Zutat im falschen Essen, sondern eine Nachricht darüber, was für mich getan wurde. Das Evangelium ist Gottes Einladung, uns mit ihm an einen Tisch zu setzen und ein hervorragendes Gericht zu essen, das lecker schmeckt, satt und zufrieden macht. Die Einladung zu einem guten Essen will einfach dankend angenommen werden. Diese Einladung müssen die Kirchen bringen. Sie müssen dazu einladen, dass wir unser Vertrauen von uns selbst weg und auf Christus verlagern und in ihm ruhen. Stattdessen verteilen unsere Kirchen gar zu oft Einladungen zu Kochkursen, in denen mal nach starren Regeln, mal völlig frei gekocht wird. Das kann gesellig sein, aber es macht nicht dauerhaft satt. Die wirklich nahrhafte Kost können wir uns eben nicht selbst bereiten. Wir können uns nicht selbst erlösen.

Der fade Malware-Nelken-Geschmack der Religion ist ein ganz wesentlicher Grund für den Konflikt mit der Kirche, den viele Menschen spüren. Man merkt: Da stimmt was nicht. Orientierungslose oder leblose Kirchen könnten sich diese Malware eingefangen haben. Wenn also unsere Kirchen immer leerer werden und der Hunger der Kirchgänger nicht mehr gestillt wird, so müssen wir fragen: „Haben wir uns moralische Religion ins System geholt?“ Der bessere Weg, der einzige Weg aus Glaubenskrisen und dem Konflikt mit der Kirche, ist die Neuentdeckung oder Wiederentdeckung des Evangeliums. Religion und Evangelium – die beiden scheinen so nahe beieinander zu liegen und sogar zusammenzugehören. Sie tun es so wenig, wie Malware auf den Computer gehört und so wenig wie Nelken in asiatisches Curry gehören. Es funktioniert. Aber nicht sehr lange.

 

Dieser Artikel ist auch im Bedacht-Magazin erschienen.

(Bedacht)

Bild: dollarphotoclub
Kirche Zeitgeschehen

2 comments

  1. Christian says:

    Hi,

    finde die Gedanken im Großen und Ganzen treffend, allerdings hab ich einige Bedenken bei der Verwendung des Begriffes „Religion“. Es gibt keine einheitliche Religionsdefinition – und das, was du unter Religion verstehst, ist nicht einmal eine konventionelle Verwendung des Begriffes „Religion“. Ein Problem liegt darin, dass Religion oft über Äußerlichkeiten definiert wird. In einer klassischen Defintion (in Anlehnung an soziologische Ansätze) ist z.B. jemand religiös, wenn dieser a) an einen Gott glaubt (Überzeugung über das Heilige), b) in eine Gemeinde geht (Gemeinschaft) und c) betet oder Bibel liest (Riten). Dort wo diese Merkmale vorliegen, haben wir es mit Religion zu tun.
    Die „Angelegenheit der Gottlosen“ ist aber nicht in diesen Merkmalen selbst verankert. Erst dort, wo es nur um die Mermale geht, und die Person Jesu Christi ausgeblendet wird, bewegen wir uns auf das zu, was du unter „Religion“ verstehst. Hier ist auch nicht die Gottlosigkeit, sondern die Christuslosigkeit das Problem (Man kann ja auch an einen Gott mit festem Regelysystem glauben!). Dies unterstreicht auch, dass es sich bei dem von dir beschriebenen Phänomen vor allem zunächst um eine akute innerchristliche Problematik handelt (weil sie einem christlichen Gottesbild widerspricht). Überzeugungen, Gemeinschaft, Riten werden ÜBER Christus gestellt.

    Eine Verwendung des Religionsbegriffes, der automatisch das Fehlen Christi impliziert, wurde insbesondere in bestimmten christlichen Bewegungen verwendet, die sich gezielt von den Hochkirchen distanziert haben. Im Zentrum liegt eben der Vorwurf, dass die Menschen in den Hochkirchen eben nur „religiös“ seien und ausschließlich das Korsett lebten. Diese pauschale Verurteilung sagt aber zunächst nichts über die Christen der Hochkirche in ihrer Gesamtheit aus, sondern in erster Linie über die Menschen, die diese Vorwürfe äußern. (Das ist keine Kritik an dir, aber evtl. eine Kritik an möglichen Quellen, aus denen du deinen Religionsbegriff haben könntest)

    In vielen neueren christlichen Bewegungen wurden konventionelle Riten aus deutlich besseren Gründen als dem Bedürfnis nach Abschied von der „hochkirchlichen Religion“ abgelöst, aber es findet sich auch heute in vielen Freikirchen noch eine gewisse Liturgiefeindlichkeit, die um einen derartigen Religionsbegriff kreist. Das Abladen von Liturgie ist freilich keine Lösung auf das Problem, das du mit „Religion“ bezeichnest, weil dieses Problem unabhänig von der Form ist. Die Reduzierung der „Religiösen“ auf die äußere Form führt dazu, dass dem Problem selbst nur in der äußeren Form begenet wird. Und damit wird die eigentliche Schwierigkeit wie ein trojansiches Pferd in andere Bereiche mitgenommen. Dann wird die „simplizistische Gott-hat-dich-lieb Theologie“ eben durch eine simplizistische(re) Du-brauchst-Gnade-also-bekehr-dich oder eine andere simplizistische Theologie ersetzt und es gibt weniger Liturgie. Aber das ändert am grundstzlichen Problem nichts.

    Die „Liebe“ kommt in deinem Artikel ebenfalls an einigen Stellen nicht so gut weg, dabei ist sie weder langweilig noch simplizistisch. „Gott hat dich lieb“ ist ja fundamentaler Ausdruck des Wesens Gottes; in einer Gemeinde, wo das nicht im Zentrum steht, muss es dunkel aussehen. Simplizistsch ist nicht die Liebe, simplizistisch ist, wenn eine Lehre über eine Person gestellt wird. Wirklich lieben kann man aber keine Lehre, wirklich lieben kann man nur ein „Du“. Und im Wesen Gottes liegt, das glaube ich zumindest, die Lösung auf das Problem.

    Starre Regelsysteme müssen auch nicht mit einem Rückgang von Gemeindmitgliedern korrelieren. Im Gegenteil. Für bestimmte Sekten, aber auch manche nicht-sektierischen christlichen Gemeinden kann das durchaus auch ein Erfolgskurs sein. Der Gläubige Mensch will Gott ja gefallen. Da kann also durchaus ein Bedürfnis bestehen, eine Gott-hat-dich-lieb-WENN…(!)-Theologie einzuführen.
    Ich weiß nicht, vielleicht hast du in manchen frommen Kreisen schon mal den Einwand „Gott ist gerecht!“ als Antwort auf „Gott hat dich lieb“ gehört (ich hab das schon öfters erlebt). Diese merkwürdige Antithetik zeichnet Gott als Richter, aber eben nicht im biblischen Richterverständis als liebenden Friedens- und Gerechtigkeitsstifer, sondern im Sinne der griechischen Göttin Justizia. Und schon wird Gott nur noch zum lieblosen Vollzugsorgan eines „Regelsystems aus einem Haufen religiöser moralischer Regeln“ (als könne sich ein Christ dadurch dem Weltgericht irgendwie entziehen). Das Vertrauen in die Liebe Gottes und dass ich aus dieser Liebe heraus gerechtfertigt werde, ist nur durch das Vertrauen daraf möglich, dass Gott unser Vater ist – und eben keine griechische Göttin mit Augenbinde, Schwert und Waage.

    Daher finde ich deine Formulierung „Kochkurse, in denen mal nach starren Regeln, mal völlig frei gekocht wird“ sehr gut. Dieses Bild zeigt die Problematik in ihrer Breite. Der Mensch will Kochkurse, um sich als KOCH zu fühlen (Eritis sicut deus), er will sich selbst durchs Kochen rechtfertigen anstatt am Mahl des Meisterkoches teilzuhaben. Auch ist das Bild besser als die Verwendung des Wortes „Religion“.

    „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott.“ sagt Luther. Und wenn ich mein Herz nicht an Christus hänge, sondern an Regeln, Traditon, Gemeinde, Überzeugungen, Riten oder sogar die Bibel, dann entferne ich mich von Gott. Das heißt nicht, dass wir keine Gemeinde, keine Bibel, keine Riten usw. brauchen; das heißt nur, dass wir die Prioriätten richtig setzen müssen.

  2. David R. says:

    Lieber Christian,

    danke für den Kommentar. Dein letzter Absatz sagt eigentlich alles. Es gibt verschiedene Definitionen für Religion, darum gebe ich ja auch für den (sehr knappen!) Artikel eine Arbeitsdefinition. Religion in der Summe ist aber etwas anderes als die einzelnen Teile (Tradition, Liturgie, Riten, etc.). Ich teile deine Sorge, dass diese Teile schlecht wegkommen und sie sind für sich genommen unglaublich wertvoll. Aber woran du dein Herz hängst… Und da kritisiere ich vor allem (wie von dir erkannt) innerhalb der Kirche. Auch viele freie Kirchenformen haben ihre starre Liturgie, die vielleicht etwas schlichter gehalten ist und feiern sich dafür.

    So schlecht kommt die Liebe dann in dem Artikel gar nicht weg, den wer sein Herz an Gnade hängt, der lernt das Wesen der Liebe kennen 😉

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