„Mercy’s War“: Warum wir über Meta-Narrative reden müssen

„Mercy’s War“: Warum wir über Meta-Narrative reden müssen

Allgemein Kirche Musik Theologie Zeitgeschehen

Zeitungen und Facebook-Posts zu lesen kann dieser Tage ein frustrierendes Geschäft sein. Das Jahr 2016 hat mit einigen tiefgreifenden Ereignissen begonnen: Die Sicherheit im öffentlichen Raum scheint abzunehmen, ebenso die Freiheit des Einzelnen, die demokratische Ordnung gerät an einigen Stellen ins Wanken, der Staat übertritt seine eigenen Gesetze und fordert zeitgleich, dass sich die Bürger an sie halten. Politische Randgruppen gewinnen an Einfluss und die einstige Mitte verliert an Boden.

Die aktuelle gesellschaftliche Situation muss man nicht über die Maßen dramatisieren. Es ist ja nicht alles am zerbrechen. Aber einiges ist am aufbrechen. Und es werden sich viele Dinge ändern. Das hängt, so meine ich in diesem Artikel, grundsätzlich mit (k)einer neuen Meta-Narrative zusammen. Und ich meine, dass wir in diesem Krieg der Meta-Narrativen, der großen Erzählungen über diese Welt, „Mercy’s War“, den „Krieg der Gnade“, mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken sollten.  Warum wir also den „Krieg der Gnade“ brauchen, was das ist und warum ausgerechnet die (wissenschaftliche) Theologie eigentlich den „way in“ kennt, derzeit aber sprachlos ist – und dennoch wichtige Antworten bietet.

Diesseits des Wunderlandes. Wo stehen wir?

Wohin soll man sich wenden, mit all seinen drängenden Fragen?

Die Bundesregierung versorgt uns derzeit mit werbenden Slogans („Wir schaffen das“) anstatt mit einer handfesten Vision für dieses Land. „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen,“ meinte zwar Helmut Schmid einst lapidar. Er hatte damit unrecht, denn ohne Vision geht ein Volk zugrunde. Wer nicht weiß, wohin er geht, der dreht sich im Kreis, geht rückwärts oder jeder geht in eine andere Richtung, wodurch Verständigung immer unmöglicher und Schisma immer wahrscheinlicher wird.

Das Finanzsystem eilt von Krisenherd zu Krisenherd. Bankenrettung, Griechenland-Rettung, Euro-Rettung mit Milliarden-Bazooka, Chinas Börsen-Turbulenzen, und manch einer ahnt, dass die Wirtschaft nicht die Ruhe im Sturm schaffen kann.

Bleiben uns nur diese drei schönen Dinge: Gut essen, sportliche Unterhaltung und spannende neue Medien?

Die Medien verlieren an Vertrauenswürdigkeit im Stimmungsbild der Menschen. Sie berichten nach dem Gefühl vieler Menschen zu spät, zu verzerrt, stellen die Falschen an den Pranger und haben festgefahrene Narrativen, nach denen sie ihre Storys aufbauen und verkaufen.

Aber was liegt hinter diesen Wahrnehmungen? „Narrative“ ist hier das wichtige Stichwort, hiermit nähert man sich dem tieferliegenden Problem schon etwas an. Es fehlt der westlichen Gesellschaft eine Meta-Narrative. Eine große Erzählung über diese Welt, über den Sinn des Lebens. Früher waren solche Meta-Erzählungen Stammesreligionen, Ahnenkulte, später das Christentum, und auch der Marxismus, die Evolutionstheorie und die Aufklärung hatten eine ähnliche Struktur. Meta-Erzählungen sind Weltanschauungen und müssen die vier grundlegenden Fragen beantworten:

Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?

Was ist in der Welt zerbrochen und falsch gelaufen?

Gibt es irgendeine Hoffnung in der Welt?

Wohin entwickelt sich die Geschichte?

Aber Meta-Narrative sind out. Zum postmodernen Verständnis gehört es, dass jeder seine eigene Wahrheit hat und es nicht die eine Wahrheit gibt. Jeder darf seine Meinung zu seiner Wahrheit haben und diese Meinungen zu tolerieren ist das höchste Gebot. Wahrheit ist, was durch empirische Untersuchung abgeleitet werden kann, so die Behauptung.

Es handelt sich hierbei um eine epistemische Frage, also wie man erkennen kann, was wahr ist und was falsch ist. Im Grunde ist es also eine philosophische Frage. Und tief im Denken des Einzelnen schlummert die Ahnung, spätestens seit Immanuel Kant, dass man das ‚Ding an sich‘ nicht erkennen könne. Nichts Genaues weiß man nicht.

Ironischer und tragischer Weise ist die Abschaffung der Metaerzählungen nun zur neuen Metaerzählung geworden. „Es gibt keine große Erzählung“ ist die neue große Erzählung. Und sie ist absoluter und kompromissloser als ihrer Vorgänger, denn sie erlaubt keine Schattierungen. Kompromiss wäre ihr Ende, da sie mit einer absoluten Aussage Absolutes verurteilt.

Daraus schließen dann heute viele Geisteswissenschaften, vereinfacht gesagt, dass alles kulturell und sozial konstruiert sei. Alles, einschließlich der Wahrheit, wird im gesellschaftlichen Diskurs ausgehandelt und konstruiert, alle Teilnehmer des Diskurses sollen auf Augenhöhe sein und die Meinung der anderen tolerieren. Damit alle Teilnehmer des Diskurses (man stelle sich einen runden Tisch vor, alle wissen gleich viel, alle dürfen gleich lange reden, alle können einander verstehen) nun gleich sind, werden sie notfalls gleich gemacht. Gerechtigkeit und eine friedliche Welt kann es endlich geben, so die Annahme, wenn alle Unterschiede aufgehoben sind. Eine Welt ohne Konflikt wird uns versprochen, in der trügerischen Hoffnung, dass Gleichheit zu Gerechtigkeit führt.

Die Polaritäten zwischen Mann und Frau werden relativiert. Unterschiede zwischen Ausländern und Inländern werden relativiert. Ehe und Familie werden mit allen anderen Lebensordnungen gleichgesetzt und relativiert. Schüler sollen, egal mit welchen Kapazitäten, durch Inklusion zusammen lernen und Intelligenz- und Entwicklungsunterschiede werden relativiert. Und selbst als Konsumenten sollen möglichst alle gleich ticken, damit sie für die Werbeindustrie und Firmen besser kontrollierbar werden. Sie werden im Sinne der Spieltheorie zu radikalen Egoisten herangezogen, wie Frank Schirrmacher eindrucksvoll in seinem Buch Ego zeigte, da sie so am vorhersehbarsten sind. Da die Sprache nun unsere Wirklichkeit konstruiert, seitdem das Ding an sich nicht mehr erkennbar ist und keine Meta-Narrative dem Partikularen in unserem Leben absoluten Sinn gibt, wird von Genderbeauftragten und anderweitig autorisierten Spezialisten und Spezialistinnen an der Sprache der Dichter/innen und Denker*innen herumgedoktert. Es muss Gerechtigkeit für Frauen und Männer gleichermaßen geben. Und ebenso Gerechtigkeit für Minderheiten und Benachteiligte. Aber so mächtig wie Sprache auch ist, es gibt neben ihr andere Faktoren, die die Realität formen.

Große Schuld an dieser Verzerrung der Realität tragen unter anderem, davon bin ich überzeugt, aber das wäre ein eigenes Thema, die philosophisch enorm einflussreiche Frankfurter Schule mit ihrer Dekonstruktion. Hochgebildete Philosophen wie Horkheimer, Adorno und, vielleicht am schlimmsten, Herbert Marcuse mit seiner „Repressiven Toleranz“, haben viel zum öffentlichen Diskurs beigetragen, und dabei oft mehr Schlechtes als Gutes. Auf jeden Fall haben sie zur Relativierung von Sinnstrukturen beigetragen und ihr philosophisches Denken liegt aktuellen Entwicklungen zugrunde. Will man also grundlegende Tendenzen aktueller Meinungsbildung und Facebook-Posts verstehen, so finden sich hier wichtige Denkvorraussetzungen.

Vor der Theologie hat diese Relativierungswelle nicht halt gemacht: Gott liebt alle Menschen gleich, egal wie sie leben, alle sind gleich gut. Sünder ist keiner mehr, incurvatus in se ipsum, in sich selbst verkrümmt, und unfähig sich selbst zu retten. Eigentlich sind sogar alle Götter dieselben, denn Gott = Liebe. Es stimmt, dass Gott Liebe ist, aber er ist mehr als das. Man könnte sonst einfach die Gleichung umdrehen: Liebe = Gott. Und damit wäre Gott zum Gefühl geworden, denn Liebe wurde schon vor langem zu einem flüchtigen Gefühl degradiert. Und weil sich also die Theologie an vieler Stelle eher mit Gefühlen beschäftigt, als um offenbarte Wahrheiten zu ringen, ist sie nicht in der Lage, die philosophisch-epistemische Frage zu beantworten, die in unserer postmodernen Gesellschaft durch das Unterbewusstsein all der Individuen der Gesellschaft wabert. Der Held vieler prominenter Theologen ist ja bekanntlich Friedrich Schleiermacher, der meinte: „Religion ist das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“ Und wenn dem so ist, dann liegt es nahe, Marx recht zu geben, dass Religion das Opium des Volkes sei. Es macht „abhängig“. Gott ist dann Psychologie, Lebensbewältigung, Therapiegedanke. Und dann versteht man auch, warum die Theologie und Kirchen zunehmend weniger Ernst genommen werden, wenn es darum geht, die wichtigen Fragen des Lebens zu beantworten.

Die Theologie hat sich in manchen Teilen der großen Meta-Narrative angeschlossen, dass es keine Meta-Narrative gäbe.

Was ist der Ausweg? Die bessere Frage lautet: Was ist der „way in“? Dieser ist etwas gänzlich anderes.

Grüße aus dem Wunderland. Was passiert, wenn wir einen Krieg der Gnade führen?

Um das zu sehen, um die Realität wieder neu zu sehen, muss man sich auf einen kleinen Ausflug in das Wunderland einladen lassen. Nämlich von Jon Foreman, einem der musikalischen Poeten unserer Zeit. Er grüßt uns mit einem wunderschönen Lied aus einem Wunderland, in dem ein Krieg der Gnade stattfindet. Nach all dem Problematisieren in diesem Artikel sollte man an dieser Stelle also einmal innehalten und „play“ drücken.

Da fallen viele bedeutungsschwere Sätze, die Worte sind gewogen und künstlerisch zusammengesetzt. Er singt: „Durch deine Wunden bin ich geheilt.“ Und dann:

I went looking for religion,
Absolutely not a friend
I went looking for ways out,
And you showed me the way in

Viele suchen derzeit nach einem Weg raus aus der Krise, nach einem Ausweg. Mein Vorschlag wäre mit Jon Foreman, dass wir eher einen Weg hinein brauchen, die richtigen Fragen stellen müssen, den richtigen Weg suchen. Wer auf der Autobahn in der falschen Richtung unterwegs ist, der braucht einen Ausweg, eine Ausfahrt. Klug ist, wer den Ausweg nimmt und möglichst schnell umkehrt. Klüger ist, wer nach dem Ausweg auch die richtige Richtung kennt, den Weg hinein in die Zukunft, den Weg hinein in Richtung Ziel.

In diesem Wunderland werden Menschen also „durch Wunden geheilt“. Es tobt dort ein Krieg der Gnade. Jemand anderes hat für die Vergehen gebüßt. Und für Vergehen muss immer jemand büßen. Das machen uns die Ereignisse der Silvesternacht in Köln wieder neu klar. Nur was, wenn die Täter gefunden sind? Dann kommt das nächste Ereignis und wir suchen wieder neu nach einem Ausweg.

Ereignis, Ausweg. Ereignis, Ausweg. Ereignis, Ausweg.

Aber können wir nicht mal öffentlich diskutieren, was der „way in“ ist? Der Weg hinein in eine gesündere Gesellschaft, in der Frauen nachts allein keine Angst haben müssen. Denn das ist doch ein ziemlich guter Gradmesser für den moralischen Zustand einer Gesellschaft. Der „way in“ in ein Wunderland, in dem man wirklich gerne lebt? Der „way in“ in eine Zukunft, in der das blame game endlich zu Ende ist? Der „way in“ in eine Zukunft, in der es nicht zu dem von Samuel Huntington beschriebenen Clash of Civilizations kommt oder zu dem von George Orwell skizzierten Überwachungsstaat?

You showed me the way in,“ singt Jon Foreman. Den Weg muss uns einer zeigen. Nein — den Weg hat uns einer gezeigt. Das ist kein unerhebliches Detail, das ist die Antwort, die im Krieg der Gnade angeboten wird: Der Mensch findet den „way in“ nicht alleine, der „way in“ ist ihm gezeigt, die Theologie sollte hier sagen: „offenbart“.

Der Verstand ist das wohl feinste Organ des Menschen, aber er wird insofern überschätzt, als dass er nicht ohne Vorraussetzungen funktioniert. Schon klar, Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Aber wir können nicht erkennen, nur weil wir einen Verstand haben. Wir können ja auch nicht sehen, nur weil wir Augen haben, oder hören, nur weil wir Ohren haben. Die Augen brauchen Licht das von außen kommt, um sehen zu können, das Ohr Schallwellen, um hören zu können. Ebenso braucht der Verstand ein Licht von außen, um erkennen zu können. Der Verstand braucht Offenbarung, Input.

In diesem Wunderland gibt es das wundervolle Blut Jesu, so besingt es der Chorus des Liedes. In einem Krieg wird Blut vergoßen. In Frankreich wurde Blut vergoßen, im Irak wird Blut vergoßen, bald wird vielleicht von Russland und der Türkei in Syrien viel Blut vergoßen und im Streit zwischen Iran und Saudi-Arabien wird auch Blut vergoßen. Auch im Krieg der Gnade wurde Blut vergoßen. Allerdings nur einmal. Und nur von einer Person. Und freiwillig. Und darum ist es ein Wunderland, denn dort muss nun niemand von keinem mehr das Blut vergießen.

C.S. Lewis, der Oxforder Literaturprofessor, sagte einmal, dass wir uns zu Gott nicht verhalten, wie sich ein Mensch im ersten Stock eines Gebäudes zu einer Person im zweiten Stock verhält. Sondern wir verhalten uns zu Gott, wie sich Hamlet zu Shakespeare verhält. Wir (Charaktere) wissen nur in dem Maß über den Schreiber des Stückes Bescheid, in dem der Autor sich entscheidet, Informationen über sich in das Stück zu legen.

Der Autor hat sich in sein Stück geschrieben, um uns den „way in“ durch sein Blut zu zeigen. Die Markierungspfeile sind blutrot auf den Pfad gestrichen.

Ist der Weg zum Wunderland versperrt?

Aber eine üble Ahnung beschleicht mich: Kann es sein, dass auch Theologen den Weg zu diesem Wunderland versperren? Dass diese eine wissenschaftliche Disziplin, die den „way in“ kennen sollte, so an dem Zugang zum „way in“ herumgedoktert hat, dass er nicht mehr auffindbar scheint? Oder dass zumindest in vielen Kirchen des Landes zu undeutlich von dem „way in“ gesprochen wird und stattdessen Auswegspolitik getrieben wird? Und dass manche evangelikale Kreise zu sehr damit beschäftigt sind, einzelne Seelen zu retten, und zu wenig öffentlich das Wohl der Stadt und das Wohl des Landes suchen?

 

Mit Leslie Newbigin möchte ich acht Punkte benennen, die ich als Hilfe für Kirche und Gesellschaft empfinde, um den „way in“ wieder zu finden, um aus Deutschland ein Wunderland zu machen, in dem es sich gut und sicher lebt:

  1. Wir brauchen eine neue Apologetik (die sich mit der sogenannten Neutralität säkularer Vernunft auseinandersetzt)
  2. Die Kirche muss das Königreich Gottes lehren (nicht, dass Gott nur Seelen retten will, sondern dass er alle Schöpfung heilen will)
  3. Christen sollen sich das Recht gehört zu werden verdienen, nämlich durch die Bereitschaft, anderen aufopfernd zu dienen
  4. Laien müssen gelehrt werden, die Implikationen ihres Glaubens in ihre öffentliche Berufung einzubringen und die Kultur zu transformieren
  5. Die Kirche kann dann eine Gegenkultur entwickeln, die den Mainstream herausfordert wo nötig, und bestätigt wo möglich.
  6. Eine vereinigte Kirche kann der Welt zeigen, dass konfessionelle Trennungen überwunden werden können, dass Meinungsverschiedenheit in der Gesellschaft nicht zu Trennung und Lagerbildung führen muss
  7. In einer globalen Kirche und Kultur hören die alten westlichen Kirchen auch auf die Stimmen der nicht-westlichen Kirchen, die westliche Kultur behandelt die nicht-westliche Kultur nicht von oben herab (Machtstrukturen)
  8. Mut

Ich denke also, dass die aktuelle gesellschaftliche Krise auch eine theologische Krise ist, die theologische Veränderungen und Antworten braucht. Dann kann wieder die sinngebende Meta-Narrative des Christentums gehört werden, allerdings nicht als moralische Psychologie oder Opium fürs Volk, sondern basierend auf dem historisch geschehenen und darum mit dem Verstand überprüfbaren Akt der Gnade Gottes in Jesus. Der Krieg der Gnade kann dann die Alternative zu blutigen Kriegen sein. Dafür müssen aber Christen und Theologen angemessen vom Krieg der Gnade in der öffentliche Debatte sprechen.

Die weiter zu bedenkende These lautet somit: Der Krieg der Gnade führt zu friedvoller Gerechtigkeit, denn Gnade ist bunt und erlaubt Schattierungen. Gleichmacherei hingegen führt gerade nicht zu Gleichheit, Égalité, sondern zu Totalitarismus. Dies, so meine ich, hat das 20. Jahrhundert mehrfach und schmerzhaft bewiesen. Dass es keine Metanarrative geben darf und bestehende Metanarrativen zu dekonstruieren sind, ist gerade nicht tolerant, sondern repressiv.

P.S.: Und wer es zu martialisch findet, vom Krieg der Gnade zu reden, der kann den Artikel ja relativieren. Es ist ja auch nicht angemessen, alle Theologen oder die Theologie unter Generalverdacht zu stellen. Ich kenne viele herausragende Theologen die mit dem Kairos Gottes rechnen und aufopfernd den Krieg der Gnade führen. Das wäre meine Relativierung meines Artikels.

Science Slam

Science Slam

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie
Unterhaltsamer, interdisziplinärer Wissenschaftsstreit zum Thema des Symposiums „Die Zukunft der Kirche in Europa“ mit musikalischem Rahmenprogramm.

 

Passend zum in Greifswald stattfindenden Symposium „Die Zukunft der Kirche in Europa“ findet ein Science Slam in den Räumen des IEEG (Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung), einem Institut der Universität Greifswald, statt. Es treten Redner aus verschiedenen Disziplinen an. Umrahmt wird der Abend von Live-Musik in Lounge- und Wohnzimmeratmosphäre.

 

Am Mittwoch, 27. Mai 2015 um 18:30h, IEEG, Rudolf-Petershagen-Allee 1.

 

Eintritt frei.

scienceslam flyer

Bild: Dollarphotoclub
Kirche für Alle?

Kirche für Alle?

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie Zeitgeschehen

Seit etwa drei Jahrzehnten untersucht das Heidelberger Sinus-Institut die Lebenswelten der Deutschen. Welche Milieus gibt es in der Gesellschaft? Spannend: Die Kirche hat die Studie seit einiger Zeit für sich entdeckt und merkt, dass sie – sieh an –  nicht mehr alle Schichten der Gesellschaft erreicht.

SINUS-MILIEUS

Bevor ich ein paar Fragen zur aktuellen Lage der Kirche stellen will, möchte ich zunächst aber die Sinus-Milieu®-Studie genauer betrachten. In der nachstehenden Grafik finden sich die vom Sinus-Institut eingeteilten Milieus:

Sinus Milieus wassercraft
Sinus-Milieus in Deutschland, 2014 auf wassercraft.de

Die Beschreibung der Milieus liest sich in der Süddeutschen (unter dem schönen Titel „Keiner will mehr Mitte sein“) folgendermaßen:

Konservativ-etabliertes Milieu: Klassisches Establishment mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch, zeigt aber auch Tendenz zum Rückzug. Liberal-Intellektuelles Milieu: Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, hat starken Wunsch nach Selbstbestimmung. Milieu der Performer: Effizienz-orientierte Leistungselite, denkt global, hohe IT-Kompetenz, sieht sich als stilistische Avantgarde. Expeditives Milieu: Unkonventionelle, kreative Avantgarde, individualistisch, sehr mobil, digital vernetzt, sucht nach Grenzen. Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, bejaht die gesellschaftliche Ordnung, strebt nach beruflicher und sozialer Etablierung sowie nach Sicherheit und Harmonie. Adaptiv-pragmatisches Milieu: Zielstrebige, junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül. Sozialökologisches Milieu: Idealistisch, konsumkritisch, globalisierungsskeptisch, besitzt ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Traditionelles Milieu: Ordnungsliebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration, kleinbürgerlich oder der Arbeiterwelt verhaftet. Prekäres Milieu: Um Teilhabe bemühte Unterschicht, Zukunftsangst und Ressentiments. Hedonistisches Milieu: Spaß- und erlebnisorientiert, verweigert sich den Konventionen und Leistungserwartungen der Gesellschaft.

Dachten die Sozialwissenschaften früher noch in Klassen und Schichten – also einer großen Unterschicht mit Arbeitern und Bauern, einer etwas schmaleren bürgerlichen Mittelschicht und einer kleinen Oberschicht als Leitungselite – um soziale Ungleichheiten zu erklären, so gerieten ab etwa 1980 durch Ulrich Beck die festgefügten Gesellschaftmodelle ins Rutschen und er beschrieb die Individualisierung. Der Mensch hat die Wahl, kann sich selbst erfinden und entwerfen, das Leben ist weniger vorherbestimmt aber dafür riskanter.

Ab etwa 1990 kommt mit Gerhard Schulze und dessen Bestseller Die Erlebnisgesellschaft die Zeit der Milieus. Seine Feststellung: Es gibt in Deutschland nicht einfach 82 Millionen Individuen; vielmehr fügen sich diese Individuen zu bestimmten Großgruppen zusammen, die ihnen zur Heimat werden, nämlich zu Milieus. Diese Milieus unterscheiden sich von den einstigen Schichten oder Klassen, denn sie beachten, dass ein Mensch neben einem bestimmten sozialen Status auch einen bestimmten Lebensstil pflegt. Menschen finden sich in Milieus und Sub-Milieus zusammen – man spricht von einer Fragmentierung der Gesellschaft. Nicht nur das Einkommen, sondern nun auch die Gesinnung, die Mentalität, entscheiden über das Heimatmilieu.

MENTALITÄT UND „EKELSCHRANKEN“

 

Der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Dr. Michael Herbst schreibt hierzu (siehe hier):

„Eine Mentalität gehört mit zum Milieu. Mentalitäten betreffen diese waagerechte Achse. Mentalitäten sind dauerhafte Einstellungen, Affekte, Ressentiments und daraus erwachsende Verhaltensmuster im alltäglichen Leben – nicht bei Individuen, sondern in kleineren und größeren Gruppierungen, die auch sonst gemeinsame Merkmale etwa hinsichtlich ihrer Bildung oder ihrer Religion tragen. Dabei unterscheiden wir zwischen vormodernen, modernen und nach- oder postmodernen Mentalitäten mit einer je eigenen Logik. Diese Mentalitäten lösen einander nicht einfach ab, so dass nach der vormodernen die moderne und dann die postmoderne Mentalität vorzufinden wäre. Unsere derzeitige Lebenswelt ist vielmehr so unübersichtlich, dass diese Mentalitäten nebeneinander und teilweise in Konkurrenz zueinander gleichzeitig existieren. Das macht unser gesellschaftliches Miteinander so „spannend“. Und natürlich ist auch das wieder ein Modell, dem das Individuum durchaus nicht immer zu entsprechen hat. Im Einzelnen kann es Überhänge und Übergänge geben, in einem Menschen können sich vormoderne und moderne Anteile des persönlichen Weltbildes mischen. Menschen entwickeln sich auch, so dass das alles im Fluss ist! Aber Menschen haben auch Schwerpunkte in einer Mentalität und es hilft zur besseren Wahrnehmung, darum zu wissen – und nicht zum Schubladendenken.“

Mit der oben stehenden Erläuterung der einzelnen Milieus wird klar: Wir sehen ein Modell sozialer Ungleichheit, das uns die abgegrenzten Lebensstilgemeinschaften zeigt. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto mehr werden die Grenzen zwischen den Milieus zu „Ekelschranken“. 

Die Kernidee: Menschen leben nicht nur als Individuen, sie erzeugen durch Gruppenbildung spezifische Lebenswelten.

ERREICHT DIE KIRCHE ALLE MILIEUS?

Die Strukturierung der fragmentierten Gesellschaft in Milieus darf nicht als Lösung verstanden werden, sondern als Sehhilfe. Auch theologische Institute, wie beispielsweise das IEEG in Greifswald, nutzen die SINUS-Milieus als Sehhilfe für die Kirche. Erreicht die Kirche alle Milieus? Sind die Gottesdienste wirklich offen für jeden? Machen es die Formen unserer Gottesdienste Besuchern und Fremden leicht, neu dazu zu kommen? Sind die Gottesdienste also „barrierefrei“?  Wo sind „Ekelschranken“ und wie groß sind diese?

Ich empfehle, diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Herbst als Einstieg in das Thema. Er formuliert 10 Thesen, von denen ich ein paar gerne aufgreifen möchte:

„Auch wenn der kirchliche Mitgliederbestand Menschen aus allen Milieus umfasst, sprechen die christliche Verkündigung und unser spezifisches Gemeinschaftsangebot immer nur Bruchteile dieser Mitglieder an, und zwar aus wenigen Milieus, während Mitglieder aus den meisten Milieus nicht erreicht werden.“ Im Wesentlichen werden Menschen aus maximal 4 Milieus von der Kirche erreicht. Die Schwerpunkte liegen bei den traditionsorientierten, konservativen und bürgerlichen Milieus, ein bisschen reicht es sicher auch hier in das sozial-ökologische Milieu hinein. Aber viele Milieus, die man hier sehen kann, wird man in unseren Versammlungen nicht finden. Die christlichen Gemeinden haben ihren stärksten Rückhalt in wenigen, meist eher traditionell orientierten, aber alternden und schrumpfenden Milieus. Aus diesen Milieus rekrutieren sich christliche Gemeinden immer wieder aufs Neue selbst.

„In unserer eigenen Milieuverwurzelung fällt es uns schwer wahrzunehmen und dann auch zu akzeptieren, dass die real existierende Kirche bzw. Gemeinschaft nicht ‚für alle‘ da ist.“ Wolfgang Huber, der langjährige Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende spricht von der mentalen Gefangenschaft im Milieu, die die Kirche überwinden muss. Mental gefangen ist man aber, wenn man gar nicht mehr wahrnimmt, wie milieubeschränkt durchschnittliches kirchliches Leben ist. Man muss gar nicht so scharf wie Michael Ebertz von Blindheits- und Trägheitsverabredungen sprechen. Wolfgang Huber:

Die erste mentale Gefangenschaft ist die Gefangenschaft im eigenen Milieu. Wir erleben es nicht nur individuell, sondern es wird uns auch empirisch aufgewiesen, dass uns als Kirche der Zugang zu bestimmten Milieus und Lebensstilen nicht zureichend gelingt und wir nicht dazu im Stande sind, ihnen die Relevanz unseres Glaubens nahe zu bringen. Eigene Berührungsängste spielen dabei eine große Rolle. Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz IV Empfängern. Die Opfer der Globalisierung zu erreichen, ist genauso schwer, wie ihre Akteure zu beeinflussen. Unsere Berührungsängste richten sich auf diejenigen, die an den Rand geraten, genauso wie auf diejenigen, die in Entscheidungszentren und Verantwortungsberufen tätig sind. Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen. Mit dieser sozialen geht eine geistliche Milieuverengung einher. Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt. Das ist geistlich besorgniserregend. Denn wir kennen den Kummer vieler Menschen nicht und auch nicht ihre Freude.“ (Huber, Wolfgang: „Du stellst unsere Füße auf weiten Raum“. Rede zur Eröffnung der Zukunftswerkstatt am 24. September 2004 in Kassel. ThBeitr 41 (2010), 68-78.)

„Darum machen wir uns zu selten klar, dass Menschen durch milieubedingte Ekelschranken von Formen gemeindlichen Lebens ferngehalten werden, nicht (nur) durch einen Mangel an Interesse oder Offenheit für die Welt des Glaubens. Die milieugefangene Kirche hat für andere eine de facto ausschließende Wirkung.“ Eine Lösungsstrategie ist hier Mission als Inkarnation in neue Milieus und sie ist darin Nachfolge Jesu – oder wie Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD schon im Jahr 2000 sehr deutlich zeigt: „Die Frage nach der Milieubezogenheit der Kirche ist theologisch nichts anderes als die nach ihrer Missionsfähigkeit. … Inkarnation erfolgt ins Milieu.“

Diese „Inkarnation ins Milieu“ folgt Jesus und seinen Jüngern, die das Urbild unserer Gemeinden sind. Prof. Herbst schreibt:

„Er nimmt sie [die Jünger] mit, lässt sie zuschauen und allmählich auch etwas mitwirken. Und dann sagt er ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Genau so: Wie mich der Vater – so ich euch! Wenn mich der Vater gesandt hat, mich wirklich tief einzulassen und niederzulassen bei den Menschen, so sollt ihr euch auch auf Menschen tief einlassen und bei ihnen niederlassen. Wenn mich der Vater gesandt hat, ihnen hingebungsvoll zu dienen, an Leib und Seele, dann sollt ihr ihnen auch hingebungsvoll dienen, an Leib und Seele, und zugleich inständig hoffen, beten und ringen, dass sie Vertrauen fassen zum Vater. Wenn mich der Vater gesandt, Grenzen zu überschreiten, und wenn alle nur noch lästern, wie man sich denn abgeben kann mit diesen prekären Milieus, mit diesen arroganten Eliten, mit diesen Gestrandeten und Gescheiterten, mit diesen hoffnungslos Konfessionslosen oder mit diesen fremdartigen Ausländern, dann sollt ihr auch nicht mehr aufhören, Grenzen zu überschreiten und Milieus zu suchen, die bislang überhaupt nicht im Blick waren, auch wenn so mancher Fromme dann die Stirn runzelt. Dann kann es nicht mehr so sein, dass Ihr Euch zufrieden gebt mit den paar Leuten, die Ihr relativ leicht erreicht. Aber das müsst Ihr wissen: Das hat seinen Preis, das ist in jeder Hinsicht teuer. Es war auch für Jesus teuer, sehr teuer.“

„Da es nicht möglich ist, dass Gemeinden angesichts ihrer eigenen Milieubindung alle Milieugrenzen überschreiten und ganz allein gemeindliche Lebensformen für alle Milieus entwickeln, brauchen wir eine regionale Kooperation und eine Pluralisierung der milieusensiblen Formen gemeindlichen Lebens.“

In dieser These steckt eine doppelte Entlastung: Wir können und wir müssen nicht jede Milieugrenze überwinden. Es ist uns nicht möglich, weil es uns schwer fallen wird, zugleich weite Wege auf der Milieukarte zu wagen und zugleich authentisch zu bleiben.

Und umgekehrt steckt in dieser These eine doppelte Herausforderung: nämlich in einer größeren Region miteinander zu einem missionarischen Masterplan zu kommen, der deutlich macht, wie Gemeinden und Gemeinschaften durch Spezialisierung oder/und Kooperation miteinander für möglichst viele Milieus in der Region kirchliche Andockpunkte schaffen und milieusensible Angebote geistlichen Lebens kreieren können.