„Mercy’s War“: Warum wir über Meta-Narrative reden müssen

„Mercy’s War“: Warum wir über Meta-Narrative reden müssen

Allgemein Kirche Musik Theologie Zeitgeschehen

Zeitungen und Facebook-Posts zu lesen kann dieser Tage ein frustrierendes Geschäft sein. Das Jahr 2016 hat mit einigen tiefgreifenden Ereignissen begonnen: Die Sicherheit im öffentlichen Raum scheint abzunehmen, ebenso die Freiheit des Einzelnen, die demokratische Ordnung gerät an einigen Stellen ins Wanken, der Staat übertritt seine eigenen Gesetze und fordert zeitgleich, dass sich die Bürger an sie halten. Politische Randgruppen gewinnen an Einfluss und die einstige Mitte verliert an Boden.

Die aktuelle gesellschaftliche Situation muss man nicht über die Maßen dramatisieren. Es ist ja nicht alles am zerbrechen. Aber einiges ist am aufbrechen. Und es werden sich viele Dinge ändern. Das hängt, so meine ich in diesem Artikel, grundsätzlich mit (k)einer neuen Meta-Narrative zusammen. Und ich meine, dass wir in diesem Krieg der Meta-Narrativen, der großen Erzählungen über diese Welt, „Mercy’s War“, den „Krieg der Gnade“, mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken sollten.  Warum wir also den „Krieg der Gnade“ brauchen, was das ist und warum ausgerechnet die (wissenschaftliche) Theologie eigentlich den „way in“ kennt, derzeit aber sprachlos ist – und dennoch wichtige Antworten bietet.

Diesseits des Wunderlandes. Wo stehen wir?

Wohin soll man sich wenden, mit all seinen drängenden Fragen?

Die Bundesregierung versorgt uns derzeit mit werbenden Slogans („Wir schaffen das“) anstatt mit einer handfesten Vision für dieses Land. „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen,“ meinte zwar Helmut Schmid einst lapidar. Er hatte damit unrecht, denn ohne Vision geht ein Volk zugrunde. Wer nicht weiß, wohin er geht, der dreht sich im Kreis, geht rückwärts oder jeder geht in eine andere Richtung, wodurch Verständigung immer unmöglicher und Schisma immer wahrscheinlicher wird.

Das Finanzsystem eilt von Krisenherd zu Krisenherd. Bankenrettung, Griechenland-Rettung, Euro-Rettung mit Milliarden-Bazooka, Chinas Börsen-Turbulenzen, und manch einer ahnt, dass die Wirtschaft nicht die Ruhe im Sturm schaffen kann.

Bleiben uns nur diese drei schönen Dinge: Gut essen, sportliche Unterhaltung und spannende neue Medien?

Die Medien verlieren an Vertrauenswürdigkeit im Stimmungsbild der Menschen. Sie berichten nach dem Gefühl vieler Menschen zu spät, zu verzerrt, stellen die Falschen an den Pranger und haben festgefahrene Narrativen, nach denen sie ihre Storys aufbauen und verkaufen.

Aber was liegt hinter diesen Wahrnehmungen? „Narrative“ ist hier das wichtige Stichwort, hiermit nähert man sich dem tieferliegenden Problem schon etwas an. Es fehlt der westlichen Gesellschaft eine Meta-Narrative. Eine große Erzählung über diese Welt, über den Sinn des Lebens. Früher waren solche Meta-Erzählungen Stammesreligionen, Ahnenkulte, später das Christentum, und auch der Marxismus, die Evolutionstheorie und die Aufklärung hatten eine ähnliche Struktur. Meta-Erzählungen sind Weltanschauungen und müssen die vier grundlegenden Fragen beantworten:

Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?

Was ist in der Welt zerbrochen und falsch gelaufen?

Gibt es irgendeine Hoffnung in der Welt?

Wohin entwickelt sich die Geschichte?

Aber Meta-Narrative sind out. Zum postmodernen Verständnis gehört es, dass jeder seine eigene Wahrheit hat und es nicht die eine Wahrheit gibt. Jeder darf seine Meinung zu seiner Wahrheit haben und diese Meinungen zu tolerieren ist das höchste Gebot. Wahrheit ist, was durch empirische Untersuchung abgeleitet werden kann, so die Behauptung.

Es handelt sich hierbei um eine epistemische Frage, also wie man erkennen kann, was wahr ist und was falsch ist. Im Grunde ist es also eine philosophische Frage. Und tief im Denken des Einzelnen schlummert die Ahnung, spätestens seit Immanuel Kant, dass man das ‚Ding an sich‘ nicht erkennen könne. Nichts Genaues weiß man nicht.

Ironischer und tragischer Weise ist die Abschaffung der Metaerzählungen nun zur neuen Metaerzählung geworden. „Es gibt keine große Erzählung“ ist die neue große Erzählung. Und sie ist absoluter und kompromissloser als ihrer Vorgänger, denn sie erlaubt keine Schattierungen. Kompromiss wäre ihr Ende, da sie mit einer absoluten Aussage Absolutes verurteilt.

Daraus schließen dann heute viele Geisteswissenschaften, vereinfacht gesagt, dass alles kulturell und sozial konstruiert sei. Alles, einschließlich der Wahrheit, wird im gesellschaftlichen Diskurs ausgehandelt und konstruiert, alle Teilnehmer des Diskurses sollen auf Augenhöhe sein und die Meinung der anderen tolerieren. Damit alle Teilnehmer des Diskurses (man stelle sich einen runden Tisch vor, alle wissen gleich viel, alle dürfen gleich lange reden, alle können einander verstehen) nun gleich sind, werden sie notfalls gleich gemacht. Gerechtigkeit und eine friedliche Welt kann es endlich geben, so die Annahme, wenn alle Unterschiede aufgehoben sind. Eine Welt ohne Konflikt wird uns versprochen, in der trügerischen Hoffnung, dass Gleichheit zu Gerechtigkeit führt.

Die Polaritäten zwischen Mann und Frau werden relativiert. Unterschiede zwischen Ausländern und Inländern werden relativiert. Ehe und Familie werden mit allen anderen Lebensordnungen gleichgesetzt und relativiert. Schüler sollen, egal mit welchen Kapazitäten, durch Inklusion zusammen lernen und Intelligenz- und Entwicklungsunterschiede werden relativiert. Und selbst als Konsumenten sollen möglichst alle gleich ticken, damit sie für die Werbeindustrie und Firmen besser kontrollierbar werden. Sie werden im Sinne der Spieltheorie zu radikalen Egoisten herangezogen, wie Frank Schirrmacher eindrucksvoll in seinem Buch Ego zeigte, da sie so am vorhersehbarsten sind. Da die Sprache nun unsere Wirklichkeit konstruiert, seitdem das Ding an sich nicht mehr erkennbar ist und keine Meta-Narrative dem Partikularen in unserem Leben absoluten Sinn gibt, wird von Genderbeauftragten und anderweitig autorisierten Spezialisten und Spezialistinnen an der Sprache der Dichter/innen und Denker*innen herumgedoktert. Es muss Gerechtigkeit für Frauen und Männer gleichermaßen geben. Und ebenso Gerechtigkeit für Minderheiten und Benachteiligte. Aber so mächtig wie Sprache auch ist, es gibt neben ihr andere Faktoren, die die Realität formen.

Große Schuld an dieser Verzerrung der Realität tragen unter anderem, davon bin ich überzeugt, aber das wäre ein eigenes Thema, die philosophisch enorm einflussreiche Frankfurter Schule mit ihrer Dekonstruktion. Hochgebildete Philosophen wie Horkheimer, Adorno und, vielleicht am schlimmsten, Herbert Marcuse mit seiner „Repressiven Toleranz“, haben viel zum öffentlichen Diskurs beigetragen, und dabei oft mehr Schlechtes als Gutes. Auf jeden Fall haben sie zur Relativierung von Sinnstrukturen beigetragen und ihr philosophisches Denken liegt aktuellen Entwicklungen zugrunde. Will man also grundlegende Tendenzen aktueller Meinungsbildung und Facebook-Posts verstehen, so finden sich hier wichtige Denkvorraussetzungen.

Vor der Theologie hat diese Relativierungswelle nicht halt gemacht: Gott liebt alle Menschen gleich, egal wie sie leben, alle sind gleich gut. Sünder ist keiner mehr, incurvatus in se ipsum, in sich selbst verkrümmt, und unfähig sich selbst zu retten. Eigentlich sind sogar alle Götter dieselben, denn Gott = Liebe. Es stimmt, dass Gott Liebe ist, aber er ist mehr als das. Man könnte sonst einfach die Gleichung umdrehen: Liebe = Gott. Und damit wäre Gott zum Gefühl geworden, denn Liebe wurde schon vor langem zu einem flüchtigen Gefühl degradiert. Und weil sich also die Theologie an vieler Stelle eher mit Gefühlen beschäftigt, als um offenbarte Wahrheiten zu ringen, ist sie nicht in der Lage, die philosophisch-epistemische Frage zu beantworten, die in unserer postmodernen Gesellschaft durch das Unterbewusstsein all der Individuen der Gesellschaft wabert. Der Held vieler prominenter Theologen ist ja bekanntlich Friedrich Schleiermacher, der meinte: „Religion ist das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“ Und wenn dem so ist, dann liegt es nahe, Marx recht zu geben, dass Religion das Opium des Volkes sei. Es macht „abhängig“. Gott ist dann Psychologie, Lebensbewältigung, Therapiegedanke. Und dann versteht man auch, warum die Theologie und Kirchen zunehmend weniger Ernst genommen werden, wenn es darum geht, die wichtigen Fragen des Lebens zu beantworten.

Die Theologie hat sich in manchen Teilen der großen Meta-Narrative angeschlossen, dass es keine Meta-Narrative gäbe.

Was ist der Ausweg? Die bessere Frage lautet: Was ist der „way in“? Dieser ist etwas gänzlich anderes.

Grüße aus dem Wunderland. Was passiert, wenn wir einen Krieg der Gnade führen?

Um das zu sehen, um die Realität wieder neu zu sehen, muss man sich auf einen kleinen Ausflug in das Wunderland einladen lassen. Nämlich von Jon Foreman, einem der musikalischen Poeten unserer Zeit. Er grüßt uns mit einem wunderschönen Lied aus einem Wunderland, in dem ein Krieg der Gnade stattfindet. Nach all dem Problematisieren in diesem Artikel sollte man an dieser Stelle also einmal innehalten und „play“ drücken.

Da fallen viele bedeutungsschwere Sätze, die Worte sind gewogen und künstlerisch zusammengesetzt. Er singt: „Durch deine Wunden bin ich geheilt.“ Und dann:

I went looking for religion,
Absolutely not a friend
I went looking for ways out,
And you showed me the way in

Viele suchen derzeit nach einem Weg raus aus der Krise, nach einem Ausweg. Mein Vorschlag wäre mit Jon Foreman, dass wir eher einen Weg hinein brauchen, die richtigen Fragen stellen müssen, den richtigen Weg suchen. Wer auf der Autobahn in der falschen Richtung unterwegs ist, der braucht einen Ausweg, eine Ausfahrt. Klug ist, wer den Ausweg nimmt und möglichst schnell umkehrt. Klüger ist, wer nach dem Ausweg auch die richtige Richtung kennt, den Weg hinein in die Zukunft, den Weg hinein in Richtung Ziel.

In diesem Wunderland werden Menschen also „durch Wunden geheilt“. Es tobt dort ein Krieg der Gnade. Jemand anderes hat für die Vergehen gebüßt. Und für Vergehen muss immer jemand büßen. Das machen uns die Ereignisse der Silvesternacht in Köln wieder neu klar. Nur was, wenn die Täter gefunden sind? Dann kommt das nächste Ereignis und wir suchen wieder neu nach einem Ausweg.

Ereignis, Ausweg. Ereignis, Ausweg. Ereignis, Ausweg.

Aber können wir nicht mal öffentlich diskutieren, was der „way in“ ist? Der Weg hinein in eine gesündere Gesellschaft, in der Frauen nachts allein keine Angst haben müssen. Denn das ist doch ein ziemlich guter Gradmesser für den moralischen Zustand einer Gesellschaft. Der „way in“ in ein Wunderland, in dem man wirklich gerne lebt? Der „way in“ in eine Zukunft, in der das blame game endlich zu Ende ist? Der „way in“ in eine Zukunft, in der es nicht zu dem von Samuel Huntington beschriebenen Clash of Civilizations kommt oder zu dem von George Orwell skizzierten Überwachungsstaat?

You showed me the way in,“ singt Jon Foreman. Den Weg muss uns einer zeigen. Nein — den Weg hat uns einer gezeigt. Das ist kein unerhebliches Detail, das ist die Antwort, die im Krieg der Gnade angeboten wird: Der Mensch findet den „way in“ nicht alleine, der „way in“ ist ihm gezeigt, die Theologie sollte hier sagen: „offenbart“.

Der Verstand ist das wohl feinste Organ des Menschen, aber er wird insofern überschätzt, als dass er nicht ohne Vorraussetzungen funktioniert. Schon klar, Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Aber wir können nicht erkennen, nur weil wir einen Verstand haben. Wir können ja auch nicht sehen, nur weil wir Augen haben, oder hören, nur weil wir Ohren haben. Die Augen brauchen Licht das von außen kommt, um sehen zu können, das Ohr Schallwellen, um hören zu können. Ebenso braucht der Verstand ein Licht von außen, um erkennen zu können. Der Verstand braucht Offenbarung, Input.

In diesem Wunderland gibt es das wundervolle Blut Jesu, so besingt es der Chorus des Liedes. In einem Krieg wird Blut vergoßen. In Frankreich wurde Blut vergoßen, im Irak wird Blut vergoßen, bald wird vielleicht von Russland und der Türkei in Syrien viel Blut vergoßen und im Streit zwischen Iran und Saudi-Arabien wird auch Blut vergoßen. Auch im Krieg der Gnade wurde Blut vergoßen. Allerdings nur einmal. Und nur von einer Person. Und freiwillig. Und darum ist es ein Wunderland, denn dort muss nun niemand von keinem mehr das Blut vergießen.

C.S. Lewis, der Oxforder Literaturprofessor, sagte einmal, dass wir uns zu Gott nicht verhalten, wie sich ein Mensch im ersten Stock eines Gebäudes zu einer Person im zweiten Stock verhält. Sondern wir verhalten uns zu Gott, wie sich Hamlet zu Shakespeare verhält. Wir (Charaktere) wissen nur in dem Maß über den Schreiber des Stückes Bescheid, in dem der Autor sich entscheidet, Informationen über sich in das Stück zu legen.

Der Autor hat sich in sein Stück geschrieben, um uns den „way in“ durch sein Blut zu zeigen. Die Markierungspfeile sind blutrot auf den Pfad gestrichen.

Ist der Weg zum Wunderland versperrt?

Aber eine üble Ahnung beschleicht mich: Kann es sein, dass auch Theologen den Weg zu diesem Wunderland versperren? Dass diese eine wissenschaftliche Disziplin, die den „way in“ kennen sollte, so an dem Zugang zum „way in“ herumgedoktert hat, dass er nicht mehr auffindbar scheint? Oder dass zumindest in vielen Kirchen des Landes zu undeutlich von dem „way in“ gesprochen wird und stattdessen Auswegspolitik getrieben wird? Und dass manche evangelikale Kreise zu sehr damit beschäftigt sind, einzelne Seelen zu retten, und zu wenig öffentlich das Wohl der Stadt und das Wohl des Landes suchen?

 

Mit Leslie Newbigin möchte ich acht Punkte benennen, die ich als Hilfe für Kirche und Gesellschaft empfinde, um den „way in“ wieder zu finden, um aus Deutschland ein Wunderland zu machen, in dem es sich gut und sicher lebt:

  1. Wir brauchen eine neue Apologetik (die sich mit der sogenannten Neutralität säkularer Vernunft auseinandersetzt)
  2. Die Kirche muss das Königreich Gottes lehren (nicht, dass Gott nur Seelen retten will, sondern dass er alle Schöpfung heilen will)
  3. Christen sollen sich das Recht gehört zu werden verdienen, nämlich durch die Bereitschaft, anderen aufopfernd zu dienen
  4. Laien müssen gelehrt werden, die Implikationen ihres Glaubens in ihre öffentliche Berufung einzubringen und die Kultur zu transformieren
  5. Die Kirche kann dann eine Gegenkultur entwickeln, die den Mainstream herausfordert wo nötig, und bestätigt wo möglich.
  6. Eine vereinigte Kirche kann der Welt zeigen, dass konfessionelle Trennungen überwunden werden können, dass Meinungsverschiedenheit in der Gesellschaft nicht zu Trennung und Lagerbildung führen muss
  7. In einer globalen Kirche und Kultur hören die alten westlichen Kirchen auch auf die Stimmen der nicht-westlichen Kirchen, die westliche Kultur behandelt die nicht-westliche Kultur nicht von oben herab (Machtstrukturen)
  8. Mut

Ich denke also, dass die aktuelle gesellschaftliche Krise auch eine theologische Krise ist, die theologische Veränderungen und Antworten braucht. Dann kann wieder die sinngebende Meta-Narrative des Christentums gehört werden, allerdings nicht als moralische Psychologie oder Opium fürs Volk, sondern basierend auf dem historisch geschehenen und darum mit dem Verstand überprüfbaren Akt der Gnade Gottes in Jesus. Der Krieg der Gnade kann dann die Alternative zu blutigen Kriegen sein. Dafür müssen aber Christen und Theologen angemessen vom Krieg der Gnade in der öffentliche Debatte sprechen.

Die weiter zu bedenkende These lautet somit: Der Krieg der Gnade führt zu friedvoller Gerechtigkeit, denn Gnade ist bunt und erlaubt Schattierungen. Gleichmacherei hingegen führt gerade nicht zu Gleichheit, Égalité, sondern zu Totalitarismus. Dies, so meine ich, hat das 20. Jahrhundert mehrfach und schmerzhaft bewiesen. Dass es keine Metanarrative geben darf und bestehende Metanarrativen zu dekonstruieren sind, ist gerade nicht tolerant, sondern repressiv.

P.S.: Und wer es zu martialisch findet, vom Krieg der Gnade zu reden, der kann den Artikel ja relativieren. Es ist ja auch nicht angemessen, alle Theologen oder die Theologie unter Generalverdacht zu stellen. Ich kenne viele herausragende Theologen die mit dem Kairos Gottes rechnen und aufopfernd den Krieg der Gnade führen. Das wäre meine Relativierung meines Artikels.

Schafft der Westen sich selbst ab?

Schafft der Westen sich selbst ab?

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Vortrag mit Vishal Mangalwadi: Wie die westliche Zivilisation zu ihren Werten zurückfindet

Vishal Mangalwadi zeigt: Ob Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Musik, Architektur oder Entwicklung der Demokratie – immer stand die Bibel jenen Menschen zur Seite, welche die Welt mit neuen Innovationen beschenkten. Sie war die prägende kulturelle Kraft dahinter. Der Professor für Praktische Theologie an der Universität von Allahabad (Indien) überzeugt mit klaren Analysen und lebendigen Erzähungen.

Als Buch der Bücher wurdVishal Mangalwadi, Professor für Praktische Theologiee die Bibel im Westen längst verdrängt. Und damit auch das, was ihn stark gemacht hat. Der Westen hat seine Mitte verloren. Mangalwadis Hoffnung ist es, dass die Bibel dorthin zurückkehrt. Mit seinem Blick von aussen auf Wurzeln und Zukunft der westlichen Welt rüttelt Mangalwadi wach.

 

Am 07. Juni 2015 um 19:30 Uhr spricht er darüber in den Räumen der Universität Greifswald, im Institut zur Erforschung für Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG)  – und wird erklären, wie der Westen zu sich selbst zurückfinden kann.

 

Vortrag und Gespräch mit Vishal Mangalwadi

  • Sonntag, 07. Juni 2015, 19:30 Uhr
  • IEEG (Rudolf-Petershagen-Allee 1, Greifswald)
  • Vishal Mangalwadi kommt mit Übersetzer; Der Vortrag wird auf Englisch gehalten, kann aber bei großer Anfrage übersetzt werden.
  • Veranstalter ist wassercraft, ein Projekt von Greifswalder Theologiestudierenden.
  • Der Abend wird musikalisch in Wohnzimmerkonzert-Atmosphäre von der Musikerin Jelena Herder umrahmt.
  • Der Eintritt ist frei, um eine Kollekte wird gebeten.

Herzliche Einladung zu einem Abend, bei dem Ihr Blick auf den Westen hinterfragt werden wird – und sich aufklären kann.

Ohne Bibel keine westliche Zivilisation!

Vishal Mangalwadis Analysen können in seinem „Buch der Mitte“ nachlesen werden. Es ist 2014 im Fontis-Verlag Basel auf Deutsch erschienen. Mangalwadis Buch (Originaltitel: The Book That Made Your World) schlägt im englischsprachigen Raum inzwischen hohe Wellen. Er ist ein international gefragter Redner und kommt nach Vorträgen in Indien, England, Kanada, USA und der Schweiz nun nach Deutschland.

Wer in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um Werte, Identität und Entwicklung mitreden und -gestalten will, sollte sich mit den Forschungsergebnissen von Vishal Mangalwadi unbedingt vertraut machen. Wir von wassercraft haben sein Buch mit wachsender Faszination gelesen.

Dr. Dominik Klenk, Geschäftsführer Fontis-Verlag

„Unter den sprachfähigen Theologen unserer Zeit ist Mangalwadi selbst ein unregelmässiges Verb: Er läuft quer zum Mainstream und lässt sich schwer beugen. Sein Buch der Mitte ist die prägnanteste Entfaltung der Probleme unserer Zeit seit Francis Schaeffers ‚Wie können wir denn leben?’“

George Marsden, Professor, University of Notre Dame; Autor

“Vishal Mangalwadi recounts history in very broad strokes, always using his cross-cultural perspectives for highlighting the many benefits of biblical principles in shaping civilization.”

 

Anfahrt:

 

Anbei noch ein Auszug aus dem Medienmagazin pro:

„Der Westen hat die Wahrheit verloren“

Der christliche Westen schafft sich ab, weil er nicht mehr nach der Wahrheit sucht. Das sagt der indische Philosoph und Christ Vishal Mangalwadi. Die Demokratie sei deswegen in Gefahr.

Was ist Wahrheit? Danach zu fragen und Antworten zu suchen ist eine Geisteshaltung, die der Protestantismus geprägt hat. Das war der Zweck von Universitäten, auch säkulare Humanisten und Atheisten wollten erkennen, was wahr und gut ist. Diese Zeiten sind vorbei. Das ist die Kernthese des indischen Intellektuellen Vishal Mangalwadi (…): „Heute sagt an den Universitäten niemand mehr, dass es die Wahrheit gibt oder dass sie erkennbar ist. Jeder, der behauptet, es gebe eine Wahrheit oder er kenne sie, gilt als Fundamentalist.“ Diese Haltung hält Mangalwadi für die größte Bedrohung der christlich geprägten Zivilisation. „Der Islam ist nicht euer Problem: Ihr habt die Wahrheit verloren, deshalb werdet ihr die Freiheit verlieren“, sagte er.

 

Mehr hier: pro Medienmagazin

 

Wir freuen uns auf rege Teilnahme und Diskussionen am 7. Juni ab 19 Uhr im IEEG in Greifswald.

 

Eine Anmeldung über den Facebook Link hier wäre hilfreich, um den Abend mit Besucherzahlen besser planen zu können.

 

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur

 

Photo: pro Medienmagazin

 

 

 

Religion: Eine Angelegenheit des gottlosen Menschen

Religion: Eine Angelegenheit des gottlosen Menschen

Kirche Zeitgeschehen

Religion ist „die Angelegenheit des gottlosen Menschen“, meint der Theologe Karl Barth und tatsächlich ist die Religion eine Wurzel des Übels. Sie führt zu Konflikten zwischen Menschen und entfremdet uns von Gott. Und sie ist die Ursache dafür, dass viele Menschen der Kirche den Rücken kehren.

Auch wenn in allen unseren Städten und Gemeinden Kirchtürme dekorativ in den Himmel ragen und die Weihnachtsgottesdienste prall gefüllt sind, zeigt doch ein Blick auf die Statistik seit langem ein eindeutiges Bild: Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Immer mehr Menschen – so scheint es – sind unzufrieden mit ihrer Kirche. Aber woran liegt das? So leicht ist das ja gar nicht, einen Konflikt mit „der Kirche“ zu haben. Wer oder was ist denn die Kirche? Das Gebäude, in dem man am Sonntag friert wie Feldgemüse in der Tiefkühltruhe? Der Pfarrer, dessen vorhersehbare Predigt immer Liebe als Pointe hat? Der Apparat von Funktionären und Würdenträgern, die meine Kirchensteuer wollen? Oder doch die verbliebenen alten Damen, die jeden Sonntag aufs Neue von hektischem Orgelspiel und Teelichtromantik verzückt werden?

Hierzulande gibt es 45.000 Kirchen, Pfarrer ist – nach wie vor – ein angesehener Beruf. Die Kirchen sind Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber. Nicht nur die Bauwerke, auch die Kirchenmusik und die Tradition zählen zu den kulturellen Schätzen unseres Landes. Doch unser gutes Kirchenbild in Deutschland ist längst im Verfall begriffen. Markus Günther vermutete in der FAZ unlängst: Die Spätzeit des Christentums in Deutschland hat begonnen, die relativ intakte Fassade beginnt zu bröckeln. Er hat Recht. Wo einmal blühende Kirchenlandschaften waren, breitet sich langsam eine Wüste aus. Eine Wüste, die sich im materialistischen, philosophisch-naturalistischen und eigentlich atheistischen Weltbild vieler Menschen bereits weit ausgedehnt hat. Aber warum ist das so?
Viele derer, die aus der Kirche austreten, begründen ihren Schritt mit dem Verweis auf angestaubte Tradition oder dem Verhalten der Offiziellen. Aber hintergründig und unterschwellig, so meine Vermutung, gibt es noch einen ganz anderen Grund für den persönlichen Konflikt mit der Kirche: Religion. Und diese Religion wirkt auf Mensch, Glaube und selbst die Kirche als ganze, wie Malware auf einen Computer, wie ein Virus, ein kleines Programm, das alle anderen Programme verlangsamt und beschädigt. Und wie sich Malware schnell und unbemerkt in ein Computersystem einschleichen kann, so kann sich Religion schnell und unbemerkt in das Glaubenssystem einschleichen. Ich ahne, dass dem einen oder anderen Leser dieser Gedanke etwas merkwürdig vorkommt. Ist nicht die Religion der Glaube? Also gerade der zentrale Inhalt von Kirche? Ich meine Nein und möchte diesen Gedanken gerne veranschaulichen:

Religion ist wie Nelken im Asia-Curry

Vor kurzem kochte ich zu Hause bei meinen Eltern ein herrliches asiatisches Hühnchen-curry-Gericht. Wir essen gerne scharf. Nachdem also alles fertig gebraten in feiner Soße schmorrte, fügte ich noch genüsslich Gewürz aus einer Dose mit der Aufschrift „Mexico Pulver“ hinzu. Der daraufhin aus der Pfanne aufsteigende Duft ließ mich nichts Gutes ahnen. Der Geschmackstest bestätigte den Verdacht: Nelken. Meine Mutter hatte Nelken in die „Mexico Pulver“-Dose gefüllt. Das Hühnchen-Curry wurde zum Weihnachts-Püree. Themaverfehlung. Religion ist auch Themaverfehlung. Zwar nur knapp, aber umso grundlegender. Die Nelken haben sich mit allen anderen Zutaten vermischt, der Geschmack war überall, das Gericht schmeckte grundlegend anders. Religion ist Nelkenpulver im Currygericht. Genauso verirrt schmeckt Religion. Das ist der Grund allen Grübelns: dass scheinbar gute Zutaten einen so furchtbaren Bei- und Nachgeschmack haben.

Religion ist der Versuch sich selbst zu erretten

Wenn ich von Religion rede, dann meine ich ein Regelsystem aus einem Haufen religiöser moralischer Regeln. Tu dies. Lass das. Mach es so. So aber nicht. Dieses religiöse Gewand ist eng und lässt wenig Bewegungsfreiheit und noch weniger Raum für Freude, Kreativität, für Fehler oder für Laien. Dazu kommt eine simplizistische Gott-hat-dich-lieb Theologie, etwas für den Weltfrieden beten, über Windmühlen reden, etwas spirituelle Psychologie und dem Santa-Claus-Gott seine Sorgen und Wünsche mitteilen. Und mit diesem Potpourri aus Regeln und Wohlfühlromantik ist dann die Hoffnung verknüpft, wir könnten uns damit retten – und vielleicht auch noch nebenbei die ganze Welt. Und Gott? Gott gilt in diesem Konzept als unbewegter Beweger, der einmal das Weltgeschehen angestoßen und sich dann zurückgezogen hat. Wer Gott ist, was er macht und wie er so drauf ist, weiß aber niemand. Gott hat die Uhr zu Beginn der Zeit aufgezogen und nun tickt das perfekte Uhrwerk, bis es halt irgendwann stehen bleibt. So hat es der Philosoph Leibnitz ausgedrückt. Und viel mehr kommt in den Kirchen des Landes nicht mehr rum: Ja, Gott gibt es (wahrscheinlich). Nein, er bestraft dich nicht. Halte dich trotzdem besser an unsere Regeln.

Das ist Religion und die hat sich so in die Lehre, Verkündigung und die Praxis der Kirchen eingeschlichen, wie die Malware auf den Computer oder das Nelkenpulver in das asiatische Curry. So kommt es, dass viele Kirchen ihre Predigten mit dem würzen, was der Soziologe Christian Smith einen „moralisch-therapeutischen Deismus“ nennt. Stattdessen sollten sie aber die freudebringende und verändernde Gute Nachricht auf den Tisch bringen. Kein Wunder, dass viele ein echtes Problem mit der Kirche haben.

Das Evangelium ist, was Gott für uns macht

Die biblischen Autoren und Texte erzählen eine andere Version von Gott. Sie erzählen das Evangelium, und das ist etwas ganz anderes als eine Morallehre. Zwar zeigt das Evangelium auch in seiner Wirkung klar, wie gutes Leben funktioniert und wer ich wirklich bin, aber das ist „nur“ die Wirkung der Nachricht und nicht die Nachricht selbst. Aber auf die kommt es an! Evangelium bedeutet „Gute Nachricht“ und gute Nachrichten werden verkündigt. Gute Nachrichten können angenommen oder abgelehnt werden. Aber gute Nachrichten sind nicht etwas, das man für sich machen kann, sondern etwas, das schon geschehen ist und nun verkündet wird. Das verkündete Geschehene freilich kann mein ganzes Leben verändern. Die Vorstellung, dass ich ein guter Mensch bin, weil ich mich an alle religiösen Gesetze, Regeln und Normen halte, hat also mit dem Evangelium so viel zu tun wie die Nelken mit meinem Asia-Curry.

Religion sagt: „Ich halte mich an alle Regeln, darum bin ich von Gott angenommen.“ Das Evangelium sagt: „Gott liebt mich, darum kann ich ihm vertrauen und auf sein Wort hören.“ Das Evangelium dreht also die Motivation um. Zuerst ist da Gottes Zusage und Trost. Nicht Ungewissheit und Belieben. Religion ist der Versuch, Gott durch ein vorbildliches Leben zu manipulieren. Das Evangelium ist das Angebot Jesu, mit Gott versöhnt zu sein.

Religion sagt, meine Identität und mein Selbstwert liegen hauptsächlich darin, wie hart ich arbeite und wie moralisch ich bin. Darum kann ich auf die herabsehen, die mir faul oder unmoralisch vorkommen. Ich schätze andere gering und fühle mich überlegen. Das Evangelium sagt, dass meine Identität und mein Selbstwert in dem Einen liegen, der für seine Feinde gestorben ist. Nur durch Gnade bin ich, was ich bin, darum kann ich nicht auf die herabsehen, die etwas anderes als ich glauben oder praktizieren. Religion führt also zu Stolz (ich halte mich an alle Regeln und bin besser als die anderen) oder zu Verzweiflung (ich habe versagt). Das Evangelium führt zu Demut (ich brauche Gnade) und zu Mut (mir ist vergeben).

Das Evangelium schmeckt

Das Evangelium ist nicht die gute Zutat im falschen Essen, sondern eine Nachricht darüber, was für mich getan wurde. Das Evangelium ist Gottes Einladung, uns mit ihm an einen Tisch zu setzen und ein hervorragendes Gericht zu essen, das lecker schmeckt, satt und zufrieden macht. Die Einladung zu einem guten Essen will einfach dankend angenommen werden. Diese Einladung müssen die Kirchen bringen. Sie müssen dazu einladen, dass wir unser Vertrauen von uns selbst weg und auf Christus verlagern und in ihm ruhen. Stattdessen verteilen unsere Kirchen gar zu oft Einladungen zu Kochkursen, in denen mal nach starren Regeln, mal völlig frei gekocht wird. Das kann gesellig sein, aber es macht nicht dauerhaft satt. Die wirklich nahrhafte Kost können wir uns eben nicht selbst bereiten. Wir können uns nicht selbst erlösen.

Der fade Malware-Nelken-Geschmack der Religion ist ein ganz wesentlicher Grund für den Konflikt mit der Kirche, den viele Menschen spüren. Man merkt: Da stimmt was nicht. Orientierungslose oder leblose Kirchen könnten sich diese Malware eingefangen haben. Wenn also unsere Kirchen immer leerer werden und der Hunger der Kirchgänger nicht mehr gestillt wird, so müssen wir fragen: „Haben wir uns moralische Religion ins System geholt?“ Der bessere Weg, der einzige Weg aus Glaubenskrisen und dem Konflikt mit der Kirche, ist die Neuentdeckung oder Wiederentdeckung des Evangeliums. Religion und Evangelium – die beiden scheinen so nahe beieinander zu liegen und sogar zusammenzugehören. Sie tun es so wenig, wie Malware auf den Computer gehört und so wenig wie Nelken in asiatisches Curry gehören. Es funktioniert. Aber nicht sehr lange.

 

Dieser Artikel ist auch im Bedacht-Magazin erschienen.

(Bedacht)

Bild: dollarphotoclub
Science Slam

Science Slam

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie
Unterhaltsamer, interdisziplinärer Wissenschaftsstreit zum Thema des Symposiums „Die Zukunft der Kirche in Europa“ mit musikalischem Rahmenprogramm.

 

Passend zum in Greifswald stattfindenden Symposium „Die Zukunft der Kirche in Europa“ findet ein Science Slam in den Räumen des IEEG (Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung), einem Institut der Universität Greifswald, statt. Es treten Redner aus verschiedenen Disziplinen an. Umrahmt wird der Abend von Live-Musik in Lounge- und Wohnzimmeratmosphäre.

 

Am Mittwoch, 27. Mai 2015 um 18:30h, IEEG, Rudolf-Petershagen-Allee 1.

 

Eintritt frei.

scienceslam flyer

Bild: Dollarphotoclub
Kirche im Club

Kirche im Club

Kirche Leiterschaft Zeitgeschehen

Dieser Artikel handelt von dem Weg, den Kirche im Club hinter sich hat. Das ist eine Veranstaltung, die inzwischen bis zu 800 Leute pro Abend in die Würzburger Posthalle zieht und von mir mitbegründet wurde. Erste Medien und Kirchen werden aufmerksam und darum sollen hier einige Prinzipien (Was?) und Methoden (Wie?) reflektiert werden.

Um diesen Artikel zu schreiben, habe ich den Blick nach hinten gerichtet und nachgesonnen. Das hat dieses Gefühl hervorgezaubert, das einen beim Anschauen alter Photoalben überkommt. „Haben wir wirklich….?!“ Ja, haben wir.

Hinter dem „Wir“ verbergen sich einige meiner besten Freunde und viele, die ich gar nicht mehr kenne; Leute aus der Würzburger Studentengruppe Campus für Christus. „Wir“ sind so unterschiedlich, dass vieles dagegen spricht, so ein Projekt zu starten. Die einfachsten Dinge hatten das Potential, uns zu Gegnern zu machen. Deswegen ist die Geschichte von Kirche im Club vor allem ein Zeugnis des Evangeliums: Dass Jesus Menschen vereint, die unterschiedlich, manchmal gegensätzlich sind.

Zunächst will ich also kurz die Geschichte von Kirche im Club erzählen. Wie hat alles angefangen? Was hat uns bewegt und auf welche Hindernisse sind wir gestoßen? Danach will ich einige Prinzipien, Schlüssel, auflisten. Prinzipien sind die „Was?“-Frage. Was sollen wir denn tun? Was wird funktionieren? Was ist eine gesunde Herangehensweise? Und erst dann will ich die Methoden erklären, nach denen wir bei Kirche im Club handeln. Methoden sind die „Wie?“-Frage. Wie setzten wir unsere Ideen um? Wie viele Helfer brauchen wir? Wie gestalten wir den Abend? Denn: Prinzipien müssen die Methoden formen, nicht umgedreht. Was wir machen bestimmt, wie wir es machen.

Und: Hier gibt es am Ende der Seite die Kommentar-Funktion. Ich freue mich auf Ergänzungen, Anfragen, kritische Rückfragen und Diskussionen.

„JESUS, WENN ICH NUR NOCH EINE AUFGABE MEHR BEKOMME, DANN SEHE ICH DICH SEHR BALD“: DER ANFANG

Kirche im Club hat klein angefangen. Bevor Kirche im Club „Kirche im Club“ hieß, haben wir den Namen „Kirche im Keller“ verwendet. Denn: Wir haben in einem kleinen Jazz-Club in einem Kellergewölbe mit schönen rau behauenen Steinen, miserabler Akustik und schlechter Luftzufuhr begonnen. Es war heiß. Es war laut. Es war nice. Und die Leute saßen sogar auf der Treppe, weil nicht genügend Stühle da waren. Bevor Kirche im Club „Kirche im Keller“ hieß, haben wir für ein paar Wochen den Namen „Sub:Church“ verwendet. Leute, die etwas bewegen wollten, kamen zusammen. Solche, die nicht damit zufrieden waren, in netter Runde Kekse zu essen und Teelichter für den Weltfrieden anzuzünden.

Wir haben diskutiert, weil es viele sehr unterschiedliche Meinungen gab, wie so ein Projekt auszusehen habe, wir haben gebetet, wir haben gesungen. Wir haben Kaffee gekocht, der für manche zu dünn und für andere zu dick war und irgendwann beschlossen, einfach anzufangen. Wie gesagt, wir haben den Namen geändert (mehr dazu weiter unten), den Besitzer des Jazz-Clubs angerufen, eine Band formiert, das Thema „Gibt es absolute Wahrheit?“ gewählt und ab ging die Luzie. Titel: „Who the f*** is Jesus?“

 

Wobei, so sehr ging die Luzie gar nicht ab. Band-intern gab es einige Diskussionen, die Predigt war prima, aber eher für 16 Jährige, als für Studenten, die Organisation war teilweise chaotisch, die Moderation war unsicher, die Miete war fast unbezahlbar und manch einer hat leise gebetet: „Jesus, wenn ich nur noch eine Aufgabe mehr bekomme, dann sehe ich dich sehr bald.“ Aber der Besitzer des Jazzclubs war ein prima Mann, der sich gefreut hat, dass wir da waren. Und es war voll, irgendwo um die 70 Leute und beim zweiten Abend sind noch mehr Leute gekommen. Und beim dritten Abend wieder mehr. Und dann haben wir gesagt, „die Größe des Raumes darf nicht bestimmen, wie viele Menschen Jesus kennenlernen können“ und sind umgezogen.

Kirche im Club Omnibus

„JESUS, WIR HABEN UNSERE WASSERPISTOLEN GELADEN UND SIND BEREIT“

Vom Jazzclub „Omnibus“ im Mai 2012 ging es in für einen Abend in eine Disco mit dem Namen „Zauberberg“ und von dort weiter in das Würzburger Brauhaus. Dort war das Bier lecker und die Plätze zahlreich. Gerade das Thema „Ein nüchterner Diskurs über Heilung“ hat Wellen geschlagen, weil sich nicht jeder sicher war, ob Gott so lebendig ist, dass er in ein menschliches Leben eingreifen kann. Mein Freund Ralf, Medizinstudent, hat das Thema eingeleitet, Daniel, Schlagzeuger der Band, hat von persönlichen Erfahrungen mit Heilung berichtet und ich habe als Dritter ein paar theologische Standpunkte erläutert.

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Und als schließlich auch das Brauhaus zu klein wurde, immer mehr Leute bei Kirche im Club mithalfen und der Name in der Stadt und Uni zunehmend bekannt wurde, sind wir in die Posthalle umgezogen. Die Posthalle ist Würzburgs erste Adresse für Live-Konzerte und Großveranstaltungen. Von 250 Leuten im Brauhaus sprang die Besucherzahl auf 400 am ersten Abend und hat inzwischen über 800 erreicht. Wir haben gesehen, wie Gott zu Menschen gesprochen hat, wie er Herzen berührt hat, wie er neue Gedanken geschenkt hat, wie Menschen wieder einen Boden unter den Füßen spüren. Wir haben Menschen gesehen, die wieder diesen Stich der Freude gespürt haben und können bezeugen: „Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft“.

Kirche im Club Posthalle

Ich rede viel von Orten und Zahlen in diesem Blog. Das mag wohl dem ein oder anderen unwichtig sein. Aber es geht um Orte und Zahlen. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch und obwohl ich nicht alle Namen aufzählen kann, sind wir begeistert, dass sich so viele begeistern lassen, vorbeikommen, mit uns zu singen und von Jesus zu hören. Und es geht um Orte, denn sie bieten den Rahmen für all diese Leute. Das Neue Testament berichtet von Orten und Menschen, und so berichten auch wir gern von Orten und Menschen.

Kirche im Club als Projekt ist vergleichbar mit einem Kind. Empfängnis, Schwangerschaft, Geburtswehen, Geburt, Aufwachsen, Zurechtweisen und Ermutigen, Ausziehen und irgendwann sterben.

EMPFÄNGNIS

Beziehungen beginnen mit Liebe und einer Entscheidung. So war es bei Kirche im Club (KiC). Ein paar Leute haben Jesus so sehr geliebt, dass sie von ihrer Liebe weitererzählen mussten, weil sie die Menschen um sich herum auch lieben wollten. In den gemeinsamen Zeiten des Gebets, Lobpreises, des Bibellesens und der Diskussionen ist eine Idee „empfangen“ worden. Wir machen was. Liebe + Entscheidung = Empfängnis.

SCHWANGERSCHAFT

Ist die Idee empfangen, muss sie wachsen. Man könnte auch sagen: reifen. Von Null auf Hundert in mehreren Wochen. Das „Baby“ braucht Ruhe, viel Gebet, eine liebende Familie, die gespannt wartet. Gut Ding will Weile haben.

GEBURTSWEHEN

Und irgendwann zwickts im Bauch. Man merkt, der Tag der Geburt rückt näher. Und dann wird man nervös. Haben wir an alles gedacht? Ist alles vorbereitet? Erfahrungsgemäß: nein. Der Schlagzeuger hat die Sticks vergessen, es gibt einen Beamer aber keine Leinwand, die Feuerwehr sagt, dass zuviel Leute im Raum sind, die Haare werden weniger oder grau. Jesus, wenn das so weitergeht, dann sehen wir uns bald.

GEBURT

Aber das ist dann kurz mal egal, denn es geht los. Die Eltern sind nervös, aber das kleine Ding schreit und will raus. Und dann ist es da. Und irgendwie sind alle müde und es war auch etwas dreckig, aber glücklich ist jeder. Es ist da!

AUFWACHSEN

Jetzt ist die falsche Zeit dafür, die Stiefel gegen Flip-Flops einzutauschen. Das Baby ist da und braucht Aufmerksamkeit. Und es wächst und braucht ab und zu einen neuen Ort. Merke: Die Größe des Ortes soll nicht darüber entscheiden, wie viele Menschen kommen können, um das Baby (KiC, für die, die die Allegorie nicht verstehen) zu sehen. Manche denken jetzt, das Baby lernt von allein laufen und man kann sich nun zurücklehnen…

ZURECHTWEISEN UND ERMUTIGEN

Jeder weiß ja irgendwie am besten, wie man so ein Kind erzieht. Aber nicht jeder meint es wirklich gut mit dem Kind, sondern will einfach nur Recht haben und Einfluss bekommen. Also besser nicht auf jeden hören. Und auch das Kind braucht ab und zu Zurechtweisung. Eine Krise von Zeit zu Zeit kann nicht schaden, sondern macht das Kind stärker. Genauso brauchen die Eltern Ermutigung und Rat von Leuten, die schon Erfahrung mit Kindererziehung haben.

AUSZIEHEN

Ist das Kind herangewachsen, muss es weiterziehen. Dem Kind zu sagen „du bleibst schön hier, wo du geboren wurdest“ hilft ihm nicht. Möglichst viele sollen doch euer Kind kennenlernen, denn ihr seid stolz auf es.

STERBEN

Machen wir uns nichts vor: Alles Menschliche auf dieser Erde stirbt irgendwann und so wird auch unser Baby, das inzwischen vom Kind zum Erwachsenen geworden war, irgendwann sterben. Also muss man langfristig denken. Welches Erbe können wir hinterlassen? Wie kann unser Kind ein nachhaltiger Segen sein? Wer aus falscher Sentimentalität heraus zu kurzsichtig denkt und nie an den Tod denkt, riskiert, nicht das Maximum im Leben zu erreichen.

Kirche im Club Posthalle 2

WAS SIND UNSERE PRINZIPIEN BEI KIRCHE IM CLUB?

Im Folgenden möchten wir einige Prinzipien mitteilen, die uns besonders wichtig sind. Wir denken, dass sie der „Schlüssel“ für die große Resonanz in Würzburg und vor allem unter den Studenten sind. Im Ernst: Studenten, vor allem Männer, sind in Kirchen derzeit so selten, wie ein Vegetarier im Steakhaus. Kirche ist unattraktiv, oder? Wir glauben, nicht unbedingt. Hier geht es um das „Was?“:

1.ES GEHT UM JESUS: Das ist der erste Punkt und der wichtigste. Wenn alle anderen Punkte vergessen werden, ok; aber nicht dieser. In der Vorbereitungsphase, in unseren Gebeten, auf den Flyern, auf der Homepage, in der Predigten: Es ging immer um Jesus. Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt. So schnell geht es um Methoden (Wie machen wir etwas), um uns selbst, oder alles mögliche andere. Es reicht nicht, einfach nur von „Gott“ zu sprechen. Wir müssen von Jesus reden. Gott ist außerhalb von Raum und Zeit und außerdem hat jede Religion einen Gott. Jesus ist der, warum unsere Gebete erhört werden. Jesus ist der, warum der Weg zum Vater frei ist (auch im Denken übrigens. Gott kann nur gedacht werden, weil er in unsere Dimensionen von Raum und Zeit gekommen ist). Der Heilige Geist kommt nur dann, wenn es um Jesus geht und der Vater bekommt nur dann die Ehre, wenn es um Jesus geht. Die Bibel kann nur verstanden werden, wenn sie mit Jesus im Blick gedeutet wird. Er ist Anfang und Ende, im besten Sinn. Jesus ist die Antwort auf unsere Fragen. Kirche im Club muss mit Jesus beginnen und aufhören. Manche Kirchen halten sich für so cool und „relevant“, dass sie meinen, nicht mehr von Jesus sprechen zu müssen. Wer aufhört von Jesus zu sprechen kann anfangen, die Beerdigung zu planen. Was? Jesus!

2.ES GEHT UM DIE KULTUR: Wir kennen und lieben Jesus. Damit beginnt es. Und das erzählen wir den Leuten. Das ist einfach, ehrlich, direkt und fair. Wir sind als Christen nicht dazu berufen, Bionade zu trinken, christliche Lobpreismusik zu hören, Teelichter anzuzünden und auf eine Entrückung zu warten. Das Leben ist kurz, es gibt viel zu tun und wenn wir die Kultur lieben wollen, dann müssen wir ehrlich mit den Menschen sein. Darum gründen wir weder Klöster noch einsame, rein christliche Enklaven, sondern wir verlassen unsere gemütlichen Hauskreis-Gruppen und sind Teil der Kultur, nehmen am öffentlichen Leben teil, engagieren uns ehrenamtlich und lernen, die Kultur und Menschen um uns herum wirklich lieb zu haben. Was? Kultur!

3.ES GEHT UM DIE KIRCHE: Wir sehen uns als Teil der weltweiten christlichen Kirche Christi, die sich auf verschiedene Weise (Methoden) und in verschiedenen Denominationen (evangelisch, katholisch, baptistisch, methodistisch, pentecostal, etc.) ausdrückt. So ein Projekt ist Teil dieser Kirche und soll verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammenbringen, Dialog fördern, Vorurteile abbauen und Besucher mit Kraft und Freude, Wissen, Erkenntnis, Antworten und neuen Fragen ausstatten.  Was? Menschen!

So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1 Korinther 3,7-11

WELCHE METHODEN FINDEN WIR HILFREICH?

Nun wird es praktisch. Nachdem die Geschichte von Kirche im Club erzählt ist und unsere grundlegenden Prinzipien (Was wollen wir?) erklärt sind, kann nun auch die „Wie?“-Frage beantwortet werden. Wie kann Kirche im Club in anderen Städten entstehen? Wie kann so ein Abend aussehen?

1.Prinzipien klären: Ihr müsst eure Prinzipien klären (s.o.) und darin Einheit finden, was ihr wollt. Sonst scheitert das Projekt früher oder später an verschiedenen Erwartungen (das, was oft „Vision“ genannt wird). Richtet Kirche im Club immer wieder intentional auf Jesus aus.

2.Beten, Planen, Organisieren: Stellt ein kleines Leitungsteam zusammen. Nicht mehr als 4-5 Leute, damit Entscheidungen schnell und möglichst unkompliziert getroffen werden können, Kommunikationswege kurz gehalten werden und alle an einen Tisch passen.

3.Teams für verschiedene Bereiche: Niemand kann alles machen. Gott ist ein Geber, der seinen Kindern gerne Gaben gibt. Was könnt ihr gut? Ihr braucht ein Predigtteam, Musikteam (Band), Moderation, Willkommensteam, PR-Team, Technik-Team, Auf- und Abbau-Team, ein Gebets-Team und was euch sonst noch spannendes einfällt. Vielleicht besteht ein Team zu Beginn nur aus dir und deinem Kugelschreiber.

4.Einen geeigneten Ort: Jesus ist zu den Leuten gegangen und ihr müsst zu den Leuten gehen. Wir leben in Europa in einer nach-christlichen Welt. Die Mehrheit kommt nicht mehr einfach aus Jux und guter Laune in eine Kirche spaziert. Geht dorthin, wo ihr und die Menschen eurer Umgebung sowieso gerne hingehen.

5.“Branding“: Unter Branding versteckt sich gute PR. Ihr braucht ein ordentliches Logo, das für Wiedererkennung sorgt. Von kommunikationspsychologischer Seite wird geraten, dass Menschen in etwa sieben Mal das Logo, den Flyer, das Plakat, etc. sehen müssen, um es wirklich wahrzunehmen.

6.Einen guten Namen: Was die Leute zu allererst hören und dann immer wieder ist der Name. „Kirche im Club“ hat sich für uns sehr bewährt. Denn: Der Name verrät ganz neutral „Was“ und „Wo“ und ist völlig unaufdringlich und ehrlich. Es geht um Kirche und man trifft sich im Club. Allein der Name klärt also schon eine ganze Menge.

7.Krisen aushalten: Die Frage ist nicht, ob Krisen und schwere Momente kommen, sondern wann. So ein Projekt macht wahnsinnig viel Spass, verbindet alle, die mitmachen, und man lernt sehr viel dabei. Aber es kostet auch Schweiß, schlaflose Nächte, Diskussionen und, wie immer wenn man etwas gutes macht, es wird Kritiker geben.

8.Eine gute Homepage: Bevor Leute heutzutage durch die Eingangstür einer realen Location gehen, gehen sie durch die virtuelle Eingangstür. Das ist die Homepage. Die Homepage kann darüber entscheiden, ob jemand kommt oder nicht. Sie ist das wichtigste Instrument, bevor die Band anfängt zu spielen.

9.Ehrliche und herausfordernde Predigt/Thema: Dieser Punkt entsteht aus den Prinzipien: Wer seine Kultur beobachtet und kennt, der weiß, welche Fragen die Menschen beschäftigen. Es ist Quatsch ein Thema „Der Brief an die Römer, Kapitel 8“ zu nennen. Kein Mensch kann sich darunter etwas vorstellen. Wir wollen mit Studenten ins Gespräch kommen. Sie sind es gewohnt, auch mal einem komplizierteren Gedankengang zu folgen, sind in der Regel informiert und darum ist es nur fair, das in der Themen- und Sprecherwahl zu berücksichtigen. Außerdem: Wenn der Prediger nie Jesus erwähnt, dann hat er etwas falsch gemacht.

10.Seid kreativ und ermutigend: Probiert Neues aus, experimentiert mit der Einbindung von liturgischen Elementen, ermutigt einander. Nicht jeder braucht eine 10-köpfige Band. Vielleicht passt ja ein DJ oder ein A-cappela-Chor besser in euere Location und zu den Leuten, die vorbeikommen?

11.Rechnet mutig mit Gottes Handeln: Zum Schluss bleibt zu sagen, dass ihr nicht alles tun könnt. Es ist gut und absolut richtig, sich so viel Mühe zu geben, wie möglich. Es ist unsere Aufgabe, als Christen die Gute Nachricht möglichst schön und verständlich zu verkündigen. Natürlich packen wir das Geschenk so schön ein, wie wir nur können. Wenn wir das Mögliche machen, wird Gott das Unmögliche machen. Er kann Herzen berühren, er kann den Verstand öffnen, er kann die tiefen Wunden eines Menschen heilen. Rechnet damit. Gott ist übernatürlich und er wird Übernatürliches tun, das ist für ihn ganz natürlich.

Das waren nun Geschichte, Prinzipien und Methoden von Kirche im Club Würzburg.

Die Geschichte geht weiter.

KircheimClub-Prinzipien-Methoden

Kirche für Alle?

Kirche für Alle?

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie Zeitgeschehen

Seit etwa drei Jahrzehnten untersucht das Heidelberger Sinus-Institut die Lebenswelten der Deutschen. Welche Milieus gibt es in der Gesellschaft? Spannend: Die Kirche hat die Studie seit einiger Zeit für sich entdeckt und merkt, dass sie – sieh an –  nicht mehr alle Schichten der Gesellschaft erreicht.

SINUS-MILIEUS

Bevor ich ein paar Fragen zur aktuellen Lage der Kirche stellen will, möchte ich zunächst aber die Sinus-Milieu®-Studie genauer betrachten. In der nachstehenden Grafik finden sich die vom Sinus-Institut eingeteilten Milieus:

Sinus Milieus wassercraft
Sinus-Milieus in Deutschland, 2014 auf wassercraft.de

Die Beschreibung der Milieus liest sich in der Süddeutschen (unter dem schönen Titel „Keiner will mehr Mitte sein“) folgendermaßen:

Konservativ-etabliertes Milieu: Klassisches Establishment mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch, zeigt aber auch Tendenz zum Rückzug. Liberal-Intellektuelles Milieu: Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, hat starken Wunsch nach Selbstbestimmung. Milieu der Performer: Effizienz-orientierte Leistungselite, denkt global, hohe IT-Kompetenz, sieht sich als stilistische Avantgarde. Expeditives Milieu: Unkonventionelle, kreative Avantgarde, individualistisch, sehr mobil, digital vernetzt, sucht nach Grenzen. Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, bejaht die gesellschaftliche Ordnung, strebt nach beruflicher und sozialer Etablierung sowie nach Sicherheit und Harmonie. Adaptiv-pragmatisches Milieu: Zielstrebige, junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül. Sozialökologisches Milieu: Idealistisch, konsumkritisch, globalisierungsskeptisch, besitzt ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Traditionelles Milieu: Ordnungsliebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration, kleinbürgerlich oder der Arbeiterwelt verhaftet. Prekäres Milieu: Um Teilhabe bemühte Unterschicht, Zukunftsangst und Ressentiments. Hedonistisches Milieu: Spaß- und erlebnisorientiert, verweigert sich den Konventionen und Leistungserwartungen der Gesellschaft.

Dachten die Sozialwissenschaften früher noch in Klassen und Schichten – also einer großen Unterschicht mit Arbeitern und Bauern, einer etwas schmaleren bürgerlichen Mittelschicht und einer kleinen Oberschicht als Leitungselite – um soziale Ungleichheiten zu erklären, so gerieten ab etwa 1980 durch Ulrich Beck die festgefügten Gesellschaftmodelle ins Rutschen und er beschrieb die Individualisierung. Der Mensch hat die Wahl, kann sich selbst erfinden und entwerfen, das Leben ist weniger vorherbestimmt aber dafür riskanter.

Ab etwa 1990 kommt mit Gerhard Schulze und dessen Bestseller Die Erlebnisgesellschaft die Zeit der Milieus. Seine Feststellung: Es gibt in Deutschland nicht einfach 82 Millionen Individuen; vielmehr fügen sich diese Individuen zu bestimmten Großgruppen zusammen, die ihnen zur Heimat werden, nämlich zu Milieus. Diese Milieus unterscheiden sich von den einstigen Schichten oder Klassen, denn sie beachten, dass ein Mensch neben einem bestimmten sozialen Status auch einen bestimmten Lebensstil pflegt. Menschen finden sich in Milieus und Sub-Milieus zusammen – man spricht von einer Fragmentierung der Gesellschaft. Nicht nur das Einkommen, sondern nun auch die Gesinnung, die Mentalität, entscheiden über das Heimatmilieu.

MENTALITÄT UND „EKELSCHRANKEN“

 

Der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Dr. Michael Herbst schreibt hierzu (siehe hier):

„Eine Mentalität gehört mit zum Milieu. Mentalitäten betreffen diese waagerechte Achse. Mentalitäten sind dauerhafte Einstellungen, Affekte, Ressentiments und daraus erwachsende Verhaltensmuster im alltäglichen Leben – nicht bei Individuen, sondern in kleineren und größeren Gruppierungen, die auch sonst gemeinsame Merkmale etwa hinsichtlich ihrer Bildung oder ihrer Religion tragen. Dabei unterscheiden wir zwischen vormodernen, modernen und nach- oder postmodernen Mentalitäten mit einer je eigenen Logik. Diese Mentalitäten lösen einander nicht einfach ab, so dass nach der vormodernen die moderne und dann die postmoderne Mentalität vorzufinden wäre. Unsere derzeitige Lebenswelt ist vielmehr so unübersichtlich, dass diese Mentalitäten nebeneinander und teilweise in Konkurrenz zueinander gleichzeitig existieren. Das macht unser gesellschaftliches Miteinander so „spannend“. Und natürlich ist auch das wieder ein Modell, dem das Individuum durchaus nicht immer zu entsprechen hat. Im Einzelnen kann es Überhänge und Übergänge geben, in einem Menschen können sich vormoderne und moderne Anteile des persönlichen Weltbildes mischen. Menschen entwickeln sich auch, so dass das alles im Fluss ist! Aber Menschen haben auch Schwerpunkte in einer Mentalität und es hilft zur besseren Wahrnehmung, darum zu wissen – und nicht zum Schubladendenken.“

Mit der oben stehenden Erläuterung der einzelnen Milieus wird klar: Wir sehen ein Modell sozialer Ungleichheit, das uns die abgegrenzten Lebensstilgemeinschaften zeigt. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto mehr werden die Grenzen zwischen den Milieus zu „Ekelschranken“. 

Die Kernidee: Menschen leben nicht nur als Individuen, sie erzeugen durch Gruppenbildung spezifische Lebenswelten.

ERREICHT DIE KIRCHE ALLE MILIEUS?

Die Strukturierung der fragmentierten Gesellschaft in Milieus darf nicht als Lösung verstanden werden, sondern als Sehhilfe. Auch theologische Institute, wie beispielsweise das IEEG in Greifswald, nutzen die SINUS-Milieus als Sehhilfe für die Kirche. Erreicht die Kirche alle Milieus? Sind die Gottesdienste wirklich offen für jeden? Machen es die Formen unserer Gottesdienste Besuchern und Fremden leicht, neu dazu zu kommen? Sind die Gottesdienste also „barrierefrei“?  Wo sind „Ekelschranken“ und wie groß sind diese?

Ich empfehle, diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Herbst als Einstieg in das Thema. Er formuliert 10 Thesen, von denen ich ein paar gerne aufgreifen möchte:

„Auch wenn der kirchliche Mitgliederbestand Menschen aus allen Milieus umfasst, sprechen die christliche Verkündigung und unser spezifisches Gemeinschaftsangebot immer nur Bruchteile dieser Mitglieder an, und zwar aus wenigen Milieus, während Mitglieder aus den meisten Milieus nicht erreicht werden.“ Im Wesentlichen werden Menschen aus maximal 4 Milieus von der Kirche erreicht. Die Schwerpunkte liegen bei den traditionsorientierten, konservativen und bürgerlichen Milieus, ein bisschen reicht es sicher auch hier in das sozial-ökologische Milieu hinein. Aber viele Milieus, die man hier sehen kann, wird man in unseren Versammlungen nicht finden. Die christlichen Gemeinden haben ihren stärksten Rückhalt in wenigen, meist eher traditionell orientierten, aber alternden und schrumpfenden Milieus. Aus diesen Milieus rekrutieren sich christliche Gemeinden immer wieder aufs Neue selbst.

„In unserer eigenen Milieuverwurzelung fällt es uns schwer wahrzunehmen und dann auch zu akzeptieren, dass die real existierende Kirche bzw. Gemeinschaft nicht ‚für alle‘ da ist.“ Wolfgang Huber, der langjährige Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende spricht von der mentalen Gefangenschaft im Milieu, die die Kirche überwinden muss. Mental gefangen ist man aber, wenn man gar nicht mehr wahrnimmt, wie milieubeschränkt durchschnittliches kirchliches Leben ist. Man muss gar nicht so scharf wie Michael Ebertz von Blindheits- und Trägheitsverabredungen sprechen. Wolfgang Huber:

Die erste mentale Gefangenschaft ist die Gefangenschaft im eigenen Milieu. Wir erleben es nicht nur individuell, sondern es wird uns auch empirisch aufgewiesen, dass uns als Kirche der Zugang zu bestimmten Milieus und Lebensstilen nicht zureichend gelingt und wir nicht dazu im Stande sind, ihnen die Relevanz unseres Glaubens nahe zu bringen. Eigene Berührungsängste spielen dabei eine große Rolle. Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz IV Empfängern. Die Opfer der Globalisierung zu erreichen, ist genauso schwer, wie ihre Akteure zu beeinflussen. Unsere Berührungsängste richten sich auf diejenigen, die an den Rand geraten, genauso wie auf diejenigen, die in Entscheidungszentren und Verantwortungsberufen tätig sind. Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen. Mit dieser sozialen geht eine geistliche Milieuverengung einher. Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt. Das ist geistlich besorgniserregend. Denn wir kennen den Kummer vieler Menschen nicht und auch nicht ihre Freude.“ (Huber, Wolfgang: „Du stellst unsere Füße auf weiten Raum“. Rede zur Eröffnung der Zukunftswerkstatt am 24. September 2004 in Kassel. ThBeitr 41 (2010), 68-78.)

„Darum machen wir uns zu selten klar, dass Menschen durch milieubedingte Ekelschranken von Formen gemeindlichen Lebens ferngehalten werden, nicht (nur) durch einen Mangel an Interesse oder Offenheit für die Welt des Glaubens. Die milieugefangene Kirche hat für andere eine de facto ausschließende Wirkung.“ Eine Lösungsstrategie ist hier Mission als Inkarnation in neue Milieus und sie ist darin Nachfolge Jesu – oder wie Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD schon im Jahr 2000 sehr deutlich zeigt: „Die Frage nach der Milieubezogenheit der Kirche ist theologisch nichts anderes als die nach ihrer Missionsfähigkeit. … Inkarnation erfolgt ins Milieu.“

Diese „Inkarnation ins Milieu“ folgt Jesus und seinen Jüngern, die das Urbild unserer Gemeinden sind. Prof. Herbst schreibt:

„Er nimmt sie [die Jünger] mit, lässt sie zuschauen und allmählich auch etwas mitwirken. Und dann sagt er ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Genau so: Wie mich der Vater – so ich euch! Wenn mich der Vater gesandt hat, mich wirklich tief einzulassen und niederzulassen bei den Menschen, so sollt ihr euch auch auf Menschen tief einlassen und bei ihnen niederlassen. Wenn mich der Vater gesandt hat, ihnen hingebungsvoll zu dienen, an Leib und Seele, dann sollt ihr ihnen auch hingebungsvoll dienen, an Leib und Seele, und zugleich inständig hoffen, beten und ringen, dass sie Vertrauen fassen zum Vater. Wenn mich der Vater gesandt, Grenzen zu überschreiten, und wenn alle nur noch lästern, wie man sich denn abgeben kann mit diesen prekären Milieus, mit diesen arroganten Eliten, mit diesen Gestrandeten und Gescheiterten, mit diesen hoffnungslos Konfessionslosen oder mit diesen fremdartigen Ausländern, dann sollt ihr auch nicht mehr aufhören, Grenzen zu überschreiten und Milieus zu suchen, die bislang überhaupt nicht im Blick waren, auch wenn so mancher Fromme dann die Stirn runzelt. Dann kann es nicht mehr so sein, dass Ihr Euch zufrieden gebt mit den paar Leuten, die Ihr relativ leicht erreicht. Aber das müsst Ihr wissen: Das hat seinen Preis, das ist in jeder Hinsicht teuer. Es war auch für Jesus teuer, sehr teuer.“

„Da es nicht möglich ist, dass Gemeinden angesichts ihrer eigenen Milieubindung alle Milieugrenzen überschreiten und ganz allein gemeindliche Lebensformen für alle Milieus entwickeln, brauchen wir eine regionale Kooperation und eine Pluralisierung der milieusensiblen Formen gemeindlichen Lebens.“

In dieser These steckt eine doppelte Entlastung: Wir können und wir müssen nicht jede Milieugrenze überwinden. Es ist uns nicht möglich, weil es uns schwer fallen wird, zugleich weite Wege auf der Milieukarte zu wagen und zugleich authentisch zu bleiben.

Und umgekehrt steckt in dieser These eine doppelte Herausforderung: nämlich in einer größeren Region miteinander zu einem missionarischen Masterplan zu kommen, der deutlich macht, wie Gemeinden und Gemeinschaften durch Spezialisierung oder/und Kooperation miteinander für möglichst viele Milieus in der Region kirchliche Andockpunkte schaffen und milieusensible Angebote geistlichen Lebens kreieren können.