Kirche im Club

Kirche im Club

Kirche Leiterschaft Zeitgeschehen

Dieser Artikel handelt von dem Weg, den Kirche im Club hinter sich hat. Das ist eine Veranstaltung, die inzwischen bis zu 800 Leute pro Abend in die Würzburger Posthalle zieht und von mir mitbegründet wurde. Erste Medien und Kirchen werden aufmerksam und darum sollen hier einige Prinzipien (Was?) und Methoden (Wie?) reflektiert werden.

Um diesen Artikel zu schreiben, habe ich den Blick nach hinten gerichtet und nachgesonnen. Das hat dieses Gefühl hervorgezaubert, das einen beim Anschauen alter Photoalben überkommt. „Haben wir wirklich….?!“ Ja, haben wir.

Hinter dem „Wir“ verbergen sich einige meiner besten Freunde und viele, die ich gar nicht mehr kenne; Leute aus der Würzburger Studentengruppe Campus für Christus. „Wir“ sind so unterschiedlich, dass vieles dagegen spricht, so ein Projekt zu starten. Die einfachsten Dinge hatten das Potential, uns zu Gegnern zu machen. Deswegen ist die Geschichte von Kirche im Club vor allem ein Zeugnis des Evangeliums: Dass Jesus Menschen vereint, die unterschiedlich, manchmal gegensätzlich sind.

Zunächst will ich also kurz die Geschichte von Kirche im Club erzählen. Wie hat alles angefangen? Was hat uns bewegt und auf welche Hindernisse sind wir gestoßen? Danach will ich einige Prinzipien, Schlüssel, auflisten. Prinzipien sind die „Was?“-Frage. Was sollen wir denn tun? Was wird funktionieren? Was ist eine gesunde Herangehensweise? Und erst dann will ich die Methoden erklären, nach denen wir bei Kirche im Club handeln. Methoden sind die „Wie?“-Frage. Wie setzten wir unsere Ideen um? Wie viele Helfer brauchen wir? Wie gestalten wir den Abend? Denn: Prinzipien müssen die Methoden formen, nicht umgedreht. Was wir machen bestimmt, wie wir es machen.

Und: Hier gibt es am Ende der Seite die Kommentar-Funktion. Ich freue mich auf Ergänzungen, Anfragen, kritische Rückfragen und Diskussionen.

„JESUS, WENN ICH NUR NOCH EINE AUFGABE MEHR BEKOMME, DANN SEHE ICH DICH SEHR BALD“: DER ANFANG

Kirche im Club hat klein angefangen. Bevor Kirche im Club „Kirche im Club“ hieß, haben wir den Namen „Kirche im Keller“ verwendet. Denn: Wir haben in einem kleinen Jazz-Club in einem Kellergewölbe mit schönen rau behauenen Steinen, miserabler Akustik und schlechter Luftzufuhr begonnen. Es war heiß. Es war laut. Es war nice. Und die Leute saßen sogar auf der Treppe, weil nicht genügend Stühle da waren. Bevor Kirche im Club „Kirche im Keller“ hieß, haben wir für ein paar Wochen den Namen „Sub:Church“ verwendet. Leute, die etwas bewegen wollten, kamen zusammen. Solche, die nicht damit zufrieden waren, in netter Runde Kekse zu essen und Teelichter für den Weltfrieden anzuzünden.

Wir haben diskutiert, weil es viele sehr unterschiedliche Meinungen gab, wie so ein Projekt auszusehen habe, wir haben gebetet, wir haben gesungen. Wir haben Kaffee gekocht, der für manche zu dünn und für andere zu dick war und irgendwann beschlossen, einfach anzufangen. Wie gesagt, wir haben den Namen geändert (mehr dazu weiter unten), den Besitzer des Jazz-Clubs angerufen, eine Band formiert, das Thema „Gibt es absolute Wahrheit?“ gewählt und ab ging die Luzie. Titel: „Who the f*** is Jesus?“

 

Wobei, so sehr ging die Luzie gar nicht ab. Band-intern gab es einige Diskussionen, die Predigt war prima, aber eher für 16 Jährige, als für Studenten, die Organisation war teilweise chaotisch, die Moderation war unsicher, die Miete war fast unbezahlbar und manch einer hat leise gebetet: „Jesus, wenn ich nur noch eine Aufgabe mehr bekomme, dann sehe ich dich sehr bald.“ Aber der Besitzer des Jazzclubs war ein prima Mann, der sich gefreut hat, dass wir da waren. Und es war voll, irgendwo um die 70 Leute und beim zweiten Abend sind noch mehr Leute gekommen. Und beim dritten Abend wieder mehr. Und dann haben wir gesagt, „die Größe des Raumes darf nicht bestimmen, wie viele Menschen Jesus kennenlernen können“ und sind umgezogen.

Kirche im Club Omnibus

„JESUS, WIR HABEN UNSERE WASSERPISTOLEN GELADEN UND SIND BEREIT“

Vom Jazzclub „Omnibus“ im Mai 2012 ging es in für einen Abend in eine Disco mit dem Namen „Zauberberg“ und von dort weiter in das Würzburger Brauhaus. Dort war das Bier lecker und die Plätze zahlreich. Gerade das Thema „Ein nüchterner Diskurs über Heilung“ hat Wellen geschlagen, weil sich nicht jeder sicher war, ob Gott so lebendig ist, dass er in ein menschliches Leben eingreifen kann. Mein Freund Ralf, Medizinstudent, hat das Thema eingeleitet, Daniel, Schlagzeuger der Band, hat von persönlichen Erfahrungen mit Heilung berichtet und ich habe als Dritter ein paar theologische Standpunkte erläutert.

kircheclub-18

Und als schließlich auch das Brauhaus zu klein wurde, immer mehr Leute bei Kirche im Club mithalfen und der Name in der Stadt und Uni zunehmend bekannt wurde, sind wir in die Posthalle umgezogen. Die Posthalle ist Würzburgs erste Adresse für Live-Konzerte und Großveranstaltungen. Von 250 Leuten im Brauhaus sprang die Besucherzahl auf 400 am ersten Abend und hat inzwischen über 800 erreicht. Wir haben gesehen, wie Gott zu Menschen gesprochen hat, wie er Herzen berührt hat, wie er neue Gedanken geschenkt hat, wie Menschen wieder einen Boden unter den Füßen spüren. Wir haben Menschen gesehen, die wieder diesen Stich der Freude gespürt haben und können bezeugen: „Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft“.

Kirche im Club Posthalle

Ich rede viel von Orten und Zahlen in diesem Blog. Das mag wohl dem ein oder anderen unwichtig sein. Aber es geht um Orte und Zahlen. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch und obwohl ich nicht alle Namen aufzählen kann, sind wir begeistert, dass sich so viele begeistern lassen, vorbeikommen, mit uns zu singen und von Jesus zu hören. Und es geht um Orte, denn sie bieten den Rahmen für all diese Leute. Das Neue Testament berichtet von Orten und Menschen, und so berichten auch wir gern von Orten und Menschen.

Kirche im Club als Projekt ist vergleichbar mit einem Kind. Empfängnis, Schwangerschaft, Geburtswehen, Geburt, Aufwachsen, Zurechtweisen und Ermutigen, Ausziehen und irgendwann sterben.

EMPFÄNGNIS

Beziehungen beginnen mit Liebe und einer Entscheidung. So war es bei Kirche im Club (KiC). Ein paar Leute haben Jesus so sehr geliebt, dass sie von ihrer Liebe weitererzählen mussten, weil sie die Menschen um sich herum auch lieben wollten. In den gemeinsamen Zeiten des Gebets, Lobpreises, des Bibellesens und der Diskussionen ist eine Idee „empfangen“ worden. Wir machen was. Liebe + Entscheidung = Empfängnis.

SCHWANGERSCHAFT

Ist die Idee empfangen, muss sie wachsen. Man könnte auch sagen: reifen. Von Null auf Hundert in mehreren Wochen. Das „Baby“ braucht Ruhe, viel Gebet, eine liebende Familie, die gespannt wartet. Gut Ding will Weile haben.

GEBURTSWEHEN

Und irgendwann zwickts im Bauch. Man merkt, der Tag der Geburt rückt näher. Und dann wird man nervös. Haben wir an alles gedacht? Ist alles vorbereitet? Erfahrungsgemäß: nein. Der Schlagzeuger hat die Sticks vergessen, es gibt einen Beamer aber keine Leinwand, die Feuerwehr sagt, dass zuviel Leute im Raum sind, die Haare werden weniger oder grau. Jesus, wenn das so weitergeht, dann sehen wir uns bald.

GEBURT

Aber das ist dann kurz mal egal, denn es geht los. Die Eltern sind nervös, aber das kleine Ding schreit und will raus. Und dann ist es da. Und irgendwie sind alle müde und es war auch etwas dreckig, aber glücklich ist jeder. Es ist da!

AUFWACHSEN

Jetzt ist die falsche Zeit dafür, die Stiefel gegen Flip-Flops einzutauschen. Das Baby ist da und braucht Aufmerksamkeit. Und es wächst und braucht ab und zu einen neuen Ort. Merke: Die Größe des Ortes soll nicht darüber entscheiden, wie viele Menschen kommen können, um das Baby (KiC, für die, die die Allegorie nicht verstehen) zu sehen. Manche denken jetzt, das Baby lernt von allein laufen und man kann sich nun zurücklehnen…

ZURECHTWEISEN UND ERMUTIGEN

Jeder weiß ja irgendwie am besten, wie man so ein Kind erzieht. Aber nicht jeder meint es wirklich gut mit dem Kind, sondern will einfach nur Recht haben und Einfluss bekommen. Also besser nicht auf jeden hören. Und auch das Kind braucht ab und zu Zurechtweisung. Eine Krise von Zeit zu Zeit kann nicht schaden, sondern macht das Kind stärker. Genauso brauchen die Eltern Ermutigung und Rat von Leuten, die schon Erfahrung mit Kindererziehung haben.

AUSZIEHEN

Ist das Kind herangewachsen, muss es weiterziehen. Dem Kind zu sagen „du bleibst schön hier, wo du geboren wurdest“ hilft ihm nicht. Möglichst viele sollen doch euer Kind kennenlernen, denn ihr seid stolz auf es.

STERBEN

Machen wir uns nichts vor: Alles Menschliche auf dieser Erde stirbt irgendwann und so wird auch unser Baby, das inzwischen vom Kind zum Erwachsenen geworden war, irgendwann sterben. Also muss man langfristig denken. Welches Erbe können wir hinterlassen? Wie kann unser Kind ein nachhaltiger Segen sein? Wer aus falscher Sentimentalität heraus zu kurzsichtig denkt und nie an den Tod denkt, riskiert, nicht das Maximum im Leben zu erreichen.

Kirche im Club Posthalle 2

WAS SIND UNSERE PRINZIPIEN BEI KIRCHE IM CLUB?

Im Folgenden möchten wir einige Prinzipien mitteilen, die uns besonders wichtig sind. Wir denken, dass sie der „Schlüssel“ für die große Resonanz in Würzburg und vor allem unter den Studenten sind. Im Ernst: Studenten, vor allem Männer, sind in Kirchen derzeit so selten, wie ein Vegetarier im Steakhaus. Kirche ist unattraktiv, oder? Wir glauben, nicht unbedingt. Hier geht es um das „Was?“:

1.ES GEHT UM JESUS: Das ist der erste Punkt und der wichtigste. Wenn alle anderen Punkte vergessen werden, ok; aber nicht dieser. In der Vorbereitungsphase, in unseren Gebeten, auf den Flyern, auf der Homepage, in der Predigten: Es ging immer um Jesus. Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt. So schnell geht es um Methoden (Wie machen wir etwas), um uns selbst, oder alles mögliche andere. Es reicht nicht, einfach nur von „Gott“ zu sprechen. Wir müssen von Jesus reden. Gott ist außerhalb von Raum und Zeit und außerdem hat jede Religion einen Gott. Jesus ist der, warum unsere Gebete erhört werden. Jesus ist der, warum der Weg zum Vater frei ist (auch im Denken übrigens. Gott kann nur gedacht werden, weil er in unsere Dimensionen von Raum und Zeit gekommen ist). Der Heilige Geist kommt nur dann, wenn es um Jesus geht und der Vater bekommt nur dann die Ehre, wenn es um Jesus geht. Die Bibel kann nur verstanden werden, wenn sie mit Jesus im Blick gedeutet wird. Er ist Anfang und Ende, im besten Sinn. Jesus ist die Antwort auf unsere Fragen. Kirche im Club muss mit Jesus beginnen und aufhören. Manche Kirchen halten sich für so cool und „relevant“, dass sie meinen, nicht mehr von Jesus sprechen zu müssen. Wer aufhört von Jesus zu sprechen kann anfangen, die Beerdigung zu planen. Was? Jesus!

2.ES GEHT UM DIE KULTUR: Wir kennen und lieben Jesus. Damit beginnt es. Und das erzählen wir den Leuten. Das ist einfach, ehrlich, direkt und fair. Wir sind als Christen nicht dazu berufen, Bionade zu trinken, christliche Lobpreismusik zu hören, Teelichter anzuzünden und auf eine Entrückung zu warten. Das Leben ist kurz, es gibt viel zu tun und wenn wir die Kultur lieben wollen, dann müssen wir ehrlich mit den Menschen sein. Darum gründen wir weder Klöster noch einsame, rein christliche Enklaven, sondern wir verlassen unsere gemütlichen Hauskreis-Gruppen und sind Teil der Kultur, nehmen am öffentlichen Leben teil, engagieren uns ehrenamtlich und lernen, die Kultur und Menschen um uns herum wirklich lieb zu haben. Was? Kultur!

3.ES GEHT UM DIE KIRCHE: Wir sehen uns als Teil der weltweiten christlichen Kirche Christi, die sich auf verschiedene Weise (Methoden) und in verschiedenen Denominationen (evangelisch, katholisch, baptistisch, methodistisch, pentecostal, etc.) ausdrückt. So ein Projekt ist Teil dieser Kirche und soll verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammenbringen, Dialog fördern, Vorurteile abbauen und Besucher mit Kraft und Freude, Wissen, Erkenntnis, Antworten und neuen Fragen ausstatten.  Was? Menschen!

So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1 Korinther 3,7-11

WELCHE METHODEN FINDEN WIR HILFREICH?

Nun wird es praktisch. Nachdem die Geschichte von Kirche im Club erzählt ist und unsere grundlegenden Prinzipien (Was wollen wir?) erklärt sind, kann nun auch die „Wie?“-Frage beantwortet werden. Wie kann Kirche im Club in anderen Städten entstehen? Wie kann so ein Abend aussehen?

1.Prinzipien klären: Ihr müsst eure Prinzipien klären (s.o.) und darin Einheit finden, was ihr wollt. Sonst scheitert das Projekt früher oder später an verschiedenen Erwartungen (das, was oft „Vision“ genannt wird). Richtet Kirche im Club immer wieder intentional auf Jesus aus.

2.Beten, Planen, Organisieren: Stellt ein kleines Leitungsteam zusammen. Nicht mehr als 4-5 Leute, damit Entscheidungen schnell und möglichst unkompliziert getroffen werden können, Kommunikationswege kurz gehalten werden und alle an einen Tisch passen.

3.Teams für verschiedene Bereiche: Niemand kann alles machen. Gott ist ein Geber, der seinen Kindern gerne Gaben gibt. Was könnt ihr gut? Ihr braucht ein Predigtteam, Musikteam (Band), Moderation, Willkommensteam, PR-Team, Technik-Team, Auf- und Abbau-Team, ein Gebets-Team und was euch sonst noch spannendes einfällt. Vielleicht besteht ein Team zu Beginn nur aus dir und deinem Kugelschreiber.

4.Einen geeigneten Ort: Jesus ist zu den Leuten gegangen und ihr müsst zu den Leuten gehen. Wir leben in Europa in einer nach-christlichen Welt. Die Mehrheit kommt nicht mehr einfach aus Jux und guter Laune in eine Kirche spaziert. Geht dorthin, wo ihr und die Menschen eurer Umgebung sowieso gerne hingehen.

5.“Branding“: Unter Branding versteckt sich gute PR. Ihr braucht ein ordentliches Logo, das für Wiedererkennung sorgt. Von kommunikationspsychologischer Seite wird geraten, dass Menschen in etwa sieben Mal das Logo, den Flyer, das Plakat, etc. sehen müssen, um es wirklich wahrzunehmen.

6.Einen guten Namen: Was die Leute zu allererst hören und dann immer wieder ist der Name. „Kirche im Club“ hat sich für uns sehr bewährt. Denn: Der Name verrät ganz neutral „Was“ und „Wo“ und ist völlig unaufdringlich und ehrlich. Es geht um Kirche und man trifft sich im Club. Allein der Name klärt also schon eine ganze Menge.

7.Krisen aushalten: Die Frage ist nicht, ob Krisen und schwere Momente kommen, sondern wann. So ein Projekt macht wahnsinnig viel Spass, verbindet alle, die mitmachen, und man lernt sehr viel dabei. Aber es kostet auch Schweiß, schlaflose Nächte, Diskussionen und, wie immer wenn man etwas gutes macht, es wird Kritiker geben.

8.Eine gute Homepage: Bevor Leute heutzutage durch die Eingangstür einer realen Location gehen, gehen sie durch die virtuelle Eingangstür. Das ist die Homepage. Die Homepage kann darüber entscheiden, ob jemand kommt oder nicht. Sie ist das wichtigste Instrument, bevor die Band anfängt zu spielen.

9.Ehrliche und herausfordernde Predigt/Thema: Dieser Punkt entsteht aus den Prinzipien: Wer seine Kultur beobachtet und kennt, der weiß, welche Fragen die Menschen beschäftigen. Es ist Quatsch ein Thema „Der Brief an die Römer, Kapitel 8“ zu nennen. Kein Mensch kann sich darunter etwas vorstellen. Wir wollen mit Studenten ins Gespräch kommen. Sie sind es gewohnt, auch mal einem komplizierteren Gedankengang zu folgen, sind in der Regel informiert und darum ist es nur fair, das in der Themen- und Sprecherwahl zu berücksichtigen. Außerdem: Wenn der Prediger nie Jesus erwähnt, dann hat er etwas falsch gemacht.

10.Seid kreativ und ermutigend: Probiert Neues aus, experimentiert mit der Einbindung von liturgischen Elementen, ermutigt einander. Nicht jeder braucht eine 10-köpfige Band. Vielleicht passt ja ein DJ oder ein A-cappela-Chor besser in euere Location und zu den Leuten, die vorbeikommen?

11.Rechnet mutig mit Gottes Handeln: Zum Schluss bleibt zu sagen, dass ihr nicht alles tun könnt. Es ist gut und absolut richtig, sich so viel Mühe zu geben, wie möglich. Es ist unsere Aufgabe, als Christen die Gute Nachricht möglichst schön und verständlich zu verkündigen. Natürlich packen wir das Geschenk so schön ein, wie wir nur können. Wenn wir das Mögliche machen, wird Gott das Unmögliche machen. Er kann Herzen berühren, er kann den Verstand öffnen, er kann die tiefen Wunden eines Menschen heilen. Rechnet damit. Gott ist übernatürlich und er wird Übernatürliches tun, das ist für ihn ganz natürlich.

Das waren nun Geschichte, Prinzipien und Methoden von Kirche im Club Würzburg.

Die Geschichte geht weiter.

KircheimClub-Prinzipien-Methoden

Kirche für Alle?

Kirche für Alle?

Allgemein Kirche Leiterschaft Theologie Zeitgeschehen

Seit etwa drei Jahrzehnten untersucht das Heidelberger Sinus-Institut die Lebenswelten der Deutschen. Welche Milieus gibt es in der Gesellschaft? Spannend: Die Kirche hat die Studie seit einiger Zeit für sich entdeckt und merkt, dass sie – sieh an –  nicht mehr alle Schichten der Gesellschaft erreicht.

SINUS-MILIEUS

Bevor ich ein paar Fragen zur aktuellen Lage der Kirche stellen will, möchte ich zunächst aber die Sinus-Milieu®-Studie genauer betrachten. In der nachstehenden Grafik finden sich die vom Sinus-Institut eingeteilten Milieus:

Sinus Milieus wassercraft
Sinus-Milieus in Deutschland, 2014 auf wassercraft.de

Die Beschreibung der Milieus liest sich in der Süddeutschen (unter dem schönen Titel „Keiner will mehr Mitte sein“) folgendermaßen:

Konservativ-etabliertes Milieu: Klassisches Establishment mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch, zeigt aber auch Tendenz zum Rückzug. Liberal-Intellektuelles Milieu: Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, hat starken Wunsch nach Selbstbestimmung. Milieu der Performer: Effizienz-orientierte Leistungselite, denkt global, hohe IT-Kompetenz, sieht sich als stilistische Avantgarde. Expeditives Milieu: Unkonventionelle, kreative Avantgarde, individualistisch, sehr mobil, digital vernetzt, sucht nach Grenzen. Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, bejaht die gesellschaftliche Ordnung, strebt nach beruflicher und sozialer Etablierung sowie nach Sicherheit und Harmonie. Adaptiv-pragmatisches Milieu: Zielstrebige, junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül. Sozialökologisches Milieu: Idealistisch, konsumkritisch, globalisierungsskeptisch, besitzt ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Traditionelles Milieu: Ordnungsliebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration, kleinbürgerlich oder der Arbeiterwelt verhaftet. Prekäres Milieu: Um Teilhabe bemühte Unterschicht, Zukunftsangst und Ressentiments. Hedonistisches Milieu: Spaß- und erlebnisorientiert, verweigert sich den Konventionen und Leistungserwartungen der Gesellschaft.

Dachten die Sozialwissenschaften früher noch in Klassen und Schichten – also einer großen Unterschicht mit Arbeitern und Bauern, einer etwas schmaleren bürgerlichen Mittelschicht und einer kleinen Oberschicht als Leitungselite – um soziale Ungleichheiten zu erklären, so gerieten ab etwa 1980 durch Ulrich Beck die festgefügten Gesellschaftmodelle ins Rutschen und er beschrieb die Individualisierung. Der Mensch hat die Wahl, kann sich selbst erfinden und entwerfen, das Leben ist weniger vorherbestimmt aber dafür riskanter.

Ab etwa 1990 kommt mit Gerhard Schulze und dessen Bestseller Die Erlebnisgesellschaft die Zeit der Milieus. Seine Feststellung: Es gibt in Deutschland nicht einfach 82 Millionen Individuen; vielmehr fügen sich diese Individuen zu bestimmten Großgruppen zusammen, die ihnen zur Heimat werden, nämlich zu Milieus. Diese Milieus unterscheiden sich von den einstigen Schichten oder Klassen, denn sie beachten, dass ein Mensch neben einem bestimmten sozialen Status auch einen bestimmten Lebensstil pflegt. Menschen finden sich in Milieus und Sub-Milieus zusammen – man spricht von einer Fragmentierung der Gesellschaft. Nicht nur das Einkommen, sondern nun auch die Gesinnung, die Mentalität, entscheiden über das Heimatmilieu.

MENTALITÄT UND „EKELSCHRANKEN“

 

Der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Dr. Michael Herbst schreibt hierzu (siehe hier):

„Eine Mentalität gehört mit zum Milieu. Mentalitäten betreffen diese waagerechte Achse. Mentalitäten sind dauerhafte Einstellungen, Affekte, Ressentiments und daraus erwachsende Verhaltensmuster im alltäglichen Leben – nicht bei Individuen, sondern in kleineren und größeren Gruppierungen, die auch sonst gemeinsame Merkmale etwa hinsichtlich ihrer Bildung oder ihrer Religion tragen. Dabei unterscheiden wir zwischen vormodernen, modernen und nach- oder postmodernen Mentalitäten mit einer je eigenen Logik. Diese Mentalitäten lösen einander nicht einfach ab, so dass nach der vormodernen die moderne und dann die postmoderne Mentalität vorzufinden wäre. Unsere derzeitige Lebenswelt ist vielmehr so unübersichtlich, dass diese Mentalitäten nebeneinander und teilweise in Konkurrenz zueinander gleichzeitig existieren. Das macht unser gesellschaftliches Miteinander so „spannend“. Und natürlich ist auch das wieder ein Modell, dem das Individuum durchaus nicht immer zu entsprechen hat. Im Einzelnen kann es Überhänge und Übergänge geben, in einem Menschen können sich vormoderne und moderne Anteile des persönlichen Weltbildes mischen. Menschen entwickeln sich auch, so dass das alles im Fluss ist! Aber Menschen haben auch Schwerpunkte in einer Mentalität und es hilft zur besseren Wahrnehmung, darum zu wissen – und nicht zum Schubladendenken.“

Mit der oben stehenden Erläuterung der einzelnen Milieus wird klar: Wir sehen ein Modell sozialer Ungleichheit, das uns die abgegrenzten Lebensstilgemeinschaften zeigt. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto mehr werden die Grenzen zwischen den Milieus zu „Ekelschranken“. 

Die Kernidee: Menschen leben nicht nur als Individuen, sie erzeugen durch Gruppenbildung spezifische Lebenswelten.

ERREICHT DIE KIRCHE ALLE MILIEUS?

Die Strukturierung der fragmentierten Gesellschaft in Milieus darf nicht als Lösung verstanden werden, sondern als Sehhilfe. Auch theologische Institute, wie beispielsweise das IEEG in Greifswald, nutzen die SINUS-Milieus als Sehhilfe für die Kirche. Erreicht die Kirche alle Milieus? Sind die Gottesdienste wirklich offen für jeden? Machen es die Formen unserer Gottesdienste Besuchern und Fremden leicht, neu dazu zu kommen? Sind die Gottesdienste also „barrierefrei“?  Wo sind „Ekelschranken“ und wie groß sind diese?

Ich empfehle, diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Herbst als Einstieg in das Thema. Er formuliert 10 Thesen, von denen ich ein paar gerne aufgreifen möchte:

„Auch wenn der kirchliche Mitgliederbestand Menschen aus allen Milieus umfasst, sprechen die christliche Verkündigung und unser spezifisches Gemeinschaftsangebot immer nur Bruchteile dieser Mitglieder an, und zwar aus wenigen Milieus, während Mitglieder aus den meisten Milieus nicht erreicht werden.“ Im Wesentlichen werden Menschen aus maximal 4 Milieus von der Kirche erreicht. Die Schwerpunkte liegen bei den traditionsorientierten, konservativen und bürgerlichen Milieus, ein bisschen reicht es sicher auch hier in das sozial-ökologische Milieu hinein. Aber viele Milieus, die man hier sehen kann, wird man in unseren Versammlungen nicht finden. Die christlichen Gemeinden haben ihren stärksten Rückhalt in wenigen, meist eher traditionell orientierten, aber alternden und schrumpfenden Milieus. Aus diesen Milieus rekrutieren sich christliche Gemeinden immer wieder aufs Neue selbst.

„In unserer eigenen Milieuverwurzelung fällt es uns schwer wahrzunehmen und dann auch zu akzeptieren, dass die real existierende Kirche bzw. Gemeinschaft nicht ‚für alle‘ da ist.“ Wolfgang Huber, der langjährige Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende spricht von der mentalen Gefangenschaft im Milieu, die die Kirche überwinden muss. Mental gefangen ist man aber, wenn man gar nicht mehr wahrnimmt, wie milieubeschränkt durchschnittliches kirchliches Leben ist. Man muss gar nicht so scharf wie Michael Ebertz von Blindheits- und Trägheitsverabredungen sprechen. Wolfgang Huber:

Die erste mentale Gefangenschaft ist die Gefangenschaft im eigenen Milieu. Wir erleben es nicht nur individuell, sondern es wird uns auch empirisch aufgewiesen, dass uns als Kirche der Zugang zu bestimmten Milieus und Lebensstilen nicht zureichend gelingt und wir nicht dazu im Stande sind, ihnen die Relevanz unseres Glaubens nahe zu bringen. Eigene Berührungsängste spielen dabei eine große Rolle. Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz IV Empfängern. Die Opfer der Globalisierung zu erreichen, ist genauso schwer, wie ihre Akteure zu beeinflussen. Unsere Berührungsängste richten sich auf diejenigen, die an den Rand geraten, genauso wie auf diejenigen, die in Entscheidungszentren und Verantwortungsberufen tätig sind. Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen. Mit dieser sozialen geht eine geistliche Milieuverengung einher. Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt. Das ist geistlich besorgniserregend. Denn wir kennen den Kummer vieler Menschen nicht und auch nicht ihre Freude.“ (Huber, Wolfgang: „Du stellst unsere Füße auf weiten Raum“. Rede zur Eröffnung der Zukunftswerkstatt am 24. September 2004 in Kassel. ThBeitr 41 (2010), 68-78.)

„Darum machen wir uns zu selten klar, dass Menschen durch milieubedingte Ekelschranken von Formen gemeindlichen Lebens ferngehalten werden, nicht (nur) durch einen Mangel an Interesse oder Offenheit für die Welt des Glaubens. Die milieugefangene Kirche hat für andere eine de facto ausschließende Wirkung.“ Eine Lösungsstrategie ist hier Mission als Inkarnation in neue Milieus und sie ist darin Nachfolge Jesu – oder wie Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD schon im Jahr 2000 sehr deutlich zeigt: „Die Frage nach der Milieubezogenheit der Kirche ist theologisch nichts anderes als die nach ihrer Missionsfähigkeit. … Inkarnation erfolgt ins Milieu.“

Diese „Inkarnation ins Milieu“ folgt Jesus und seinen Jüngern, die das Urbild unserer Gemeinden sind. Prof. Herbst schreibt:

„Er nimmt sie [die Jünger] mit, lässt sie zuschauen und allmählich auch etwas mitwirken. Und dann sagt er ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Genau so: Wie mich der Vater – so ich euch! Wenn mich der Vater gesandt hat, mich wirklich tief einzulassen und niederzulassen bei den Menschen, so sollt ihr euch auch auf Menschen tief einlassen und bei ihnen niederlassen. Wenn mich der Vater gesandt hat, ihnen hingebungsvoll zu dienen, an Leib und Seele, dann sollt ihr ihnen auch hingebungsvoll dienen, an Leib und Seele, und zugleich inständig hoffen, beten und ringen, dass sie Vertrauen fassen zum Vater. Wenn mich der Vater gesandt, Grenzen zu überschreiten, und wenn alle nur noch lästern, wie man sich denn abgeben kann mit diesen prekären Milieus, mit diesen arroganten Eliten, mit diesen Gestrandeten und Gescheiterten, mit diesen hoffnungslos Konfessionslosen oder mit diesen fremdartigen Ausländern, dann sollt ihr auch nicht mehr aufhören, Grenzen zu überschreiten und Milieus zu suchen, die bislang überhaupt nicht im Blick waren, auch wenn so mancher Fromme dann die Stirn runzelt. Dann kann es nicht mehr so sein, dass Ihr Euch zufrieden gebt mit den paar Leuten, die Ihr relativ leicht erreicht. Aber das müsst Ihr wissen: Das hat seinen Preis, das ist in jeder Hinsicht teuer. Es war auch für Jesus teuer, sehr teuer.“

„Da es nicht möglich ist, dass Gemeinden angesichts ihrer eigenen Milieubindung alle Milieugrenzen überschreiten und ganz allein gemeindliche Lebensformen für alle Milieus entwickeln, brauchen wir eine regionale Kooperation und eine Pluralisierung der milieusensiblen Formen gemeindlichen Lebens.“

In dieser These steckt eine doppelte Entlastung: Wir können und wir müssen nicht jede Milieugrenze überwinden. Es ist uns nicht möglich, weil es uns schwer fallen wird, zugleich weite Wege auf der Milieukarte zu wagen und zugleich authentisch zu bleiben.

Und umgekehrt steckt in dieser These eine doppelte Herausforderung: nämlich in einer größeren Region miteinander zu einem missionarischen Masterplan zu kommen, der deutlich macht, wie Gemeinden und Gemeinschaften durch Spezialisierung oder/und Kooperation miteinander für möglichst viele Milieus in der Region kirchliche Andockpunkte schaffen und milieusensible Angebote geistlichen Lebens kreieren können.